Bei Stuttgart-Demo prallen Welten aufeinander – „ihr zerstört unsere Wirtschaft“

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Die Sonne hatte an diesem zweiten Augustsamstag keine Gnade mit den Demonstranten. Die 30-Grad-Marke war um die Mittagszeit gerade überschritten, da setzte sich ein Demonstrationszug aus mehreren Hunderten Teilnehmern am Stuttgarter Marienplatz in Bewegung. Fünf Kilometer pilgerten sie von Polizeifahrzeugen begleitet nach Norden bis in den Unteren Schlossgarten, wo die Hauptveranstaltung stattfinden sollte. Und – im Gegensatz zu Berlin vorige Woche – dann auch wie geplant sechseinhalb Stunden später zu Ende ging.

Zwar blieben Zwischenfälle wie das massenhafte Nichteinhalten von Mindestabständen am Samstag in Stuttgart aus. Und auch die Teilnehmerzahl lag mit „mehreren Hundert“ laut Polizeiangaben deutlich unter den Angaben des Veranstalters – er nannte die Zahl 5000. Doch dass die Kluft zwischen Teilnehmern der genehmigten Demonstration auf der einen und Passanten auf der anderen zum Teil groß war, konnte auch der geordnete Ablauf nicht verbergen.

“Traurig, wie dumm die Menschheit ist”

Slogans wie „Mit Maske – ohne uns“, „Wir haben euch durchschaut“ und Parolen wie „Freiheit, Frieden“ oder „Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr unsere Freiheit klaut“ prägten das Bild des Zuges, der sich unermüdlich über den heißen Asphalt quälte. Mit dabei: viele Kleinkinder, die zum Teil mittrommelten. Die Passanten am Rande der Tübinger Straße blieben immer wieder stehen, einige klatschten lächelnd, viele schüttelten verständnislos den Kopf.

 

Auf halber Strecke schießt dann plötzlich die Inhaberin eines Juweliergeschäfts vor ihre Tür. „Ihr seid schuld, dass unsere Wirtschaft den Bach runtergeht. Traurig, wie dumm die Menschheit ist“, ruft Iris Adamo den Demonstranten von den Stufen ihres Geschäfts entgegen. Die Mitsechzigerin zürnt ob des „Leichtsinns“, mit dem die Demonstranten andere einer Neuinfektion aussetzten. „Die Menschen brauchen Grenzen, denn sie tun sonst nur das, was sie wollen, ignorieren aber, was sie nicht dürfen.“

Demo-Reden zu Impfen, 5G, Virusharmlosigkeit und “totalitärer Politik”

Die Polizei zumindest greift an keiner Stelle während der gesamten Demonstration ein, nur später am Unteren Schlossgarten kommt während der Veranstaltung die Ermahnung, Mindestabstände von 1,5 Metern zwischen Gruppen von bis zu 20 Personen einzuhalten. Die Temperatur klettert gegen 15 Uhr über die 33-Grad-Marke, die Teilnehmer sammeln sich vorwiegend im Schatten von Baumgruppen, die jedoch nicht für alle ausreichen.

Michael Ballweg, Initiator von „Querdenken-711“ und offizieller Demo-Veranstalter in Stuttgart und auch in Berlin in der vorigen Woche, gibt zum Auftakt bekannt, dass er eine Feststellungsklage beim Verwaltungsgericht Berlin einreichen wird gegen die polizeilich angeordnete Auflösung der Berliner Demo. Außerdem verkündet er, dass er den regierenden Berliner Bürgermeister Michael Müller und US-Präsident Donald Trump zur nächsten Demo nach Berlin Ende August einlädt.

Nach Ballweg, der bei den bevorstehenden Kommunalwahlen als Oberbürgermeister kandidieren will, übernimmt ein bunter Strauß von Rednern die Hoheit auf der Bühne. Ein Ex-Polizist, ein Ex-Bundeswehrleutnant und andere, die viel über Freiheit, insbesondere das Leben ohne Maske reden, über Hygiene, überflüssiges Impfen, die angebliche Gefährlichkeit von 5G-Netzen oder eine „totalitäre Politik“ sprechen oder andeuten, die sie in Deutschland ausgemacht haben wollen.

Als Überraschungsgast wird ein Ex-Fußball-Nationalspieler präsentiert: Thomas Berthold. Der 55-jährige Ex-National- und VfB-Stuttgart-Spieler outet sich stolz als Unterstützer von „Querdenken-711“ und gesteht, er habe „das Vertrauen in die politische Führung des Landes“ verloren. Trotz steigender Zahl der Neuinfektionen und der allmählichen Rückkehr der Kinder in die Schulen sagt Berthold, der mit fünf Platzverweisen einen internen Rekord beim VfB hält, „dass jeder von euch selbst entscheiden kann, ob er eine Maske aufsetzt oder zu Hause lässt“.

Sorge um ausgewogene Informationen

Differenzierter und vorsichtiger argumentiert da schon Conny, Musiklehrerin um die 50. Sie sei keinesfalls eine „Corona-Leugnerin“, sagt sie. Sie wisse, dass das Virus gefährlich sei. „Doch bei Kindern macht das Tragen der Masken keinen Sinn, weil sie das Virus nicht übertragen, wie man anfangs dachte. „Es ist doch viel effektiver, die Unterrichtsräume immer gut zu lüften. Die Organisation des Unterrichts ist wegen der geltenden Abstands- und Maskenregeln sehr schwer geworden. Wenn das so weitergeht, dann können wir bald gar nicht mehr unterrichten.“ Allerdings gibt es genügend Virologen, die keine Indizien dafür sehen, dass Kinder weniger infektiös wirkten als Erwachsene.

Lesen Sie mehr zum Coronavirus im Live-Ticker von FOCUS Online.

Was Conny und ihren Begleiter Ulrich Class dazu angetrieben hat, sich die „Querdenker“-Demo anzuschauen, ist eine große Unsicherheit über Informationen zu Krankheit und einer möglichen Impfung, die von der Regierung kommen. „Wir glauben, es ist zu wenig Zeit zum Testen, auch was mögliche Nebenwirkungen betrifft.“ Und auch die Rhetorik, mit der die Regierung aus Sicht der beiden Angst schüre, verunsichere sie. „Ständig heißt es, diese Demos führten zu neuen Hotspots und seien deswegen unverantwortlich. Aber wo bitte ist das den bisher wirklich eingetreten?“

Demonstrativ Masken aufgesetzt

Hansgeorg und Brigitte Fischler hingegen können überhaupt nichts mit den ständigen Rufen der Demonstranten nach Freiheit und Frieden anfangen. „Ich denke, die Jüngeren könnte ruhig etwas mehr Rücksicht auf die Gesellschaft nehmen“, sagt Hansgeorg Fischler, 81. Seine Frau sieht das nicht anders: „Inzwischen können wir doch sehr viele von den durch Corona eingeschränkten Freiheiten wieder genießen.

Das, was ihnen hingegen Sorgen mache, sei eine neue zweite Welle. „Wenn die kommt, dann geht es doch erst richtig los. Und dann verlieren auch diese Demonstranten, die hier ihre Freiheit zurückfordern, noch mehr als zuvor.“ Genau aus diesem Grund, ergänzt Brigitte Fischler, hätten sie und ihr Mann sich auch demonstrativ die Masken aufgesetzt. „Damit die Demonstrierenden sehen können, dass wir nicht einverstanden sind – obwohl wir sonst auf der Straße gar keine Maske tragen!“

Verständnis und Unverständnis in einem

Karen Sternberg, die ebenfalls in der Tübinger Straße einen Mode-Accessoire- und Schmuck-Geschäft betreibt, hat zwar Verständnis für viele der Demonstranten. „Eine ganze Reihe von ihnen sind meine Kunden, und ich kann viele ihrer Sorgen teilen.“ Sie verstehe auch die Wut, dass die Coronademonstrationen nun von Extremisten unterwandert würden.

Doch angesichts der Gefahr einer zweiten Welle warnt auch sie vor zu viel Freizügigkeit. „Durch den ersten Lockdown in den Osterwochen sind uns zwei der wichtigsten Einnahmemonate des Jahres verloren gegangen. Wenn nun im Herbst doch die zweite Welle kommt, dann werden viele Geschäfte endgültig sterben.“ Den Vorwurf, daran mit Schuld zu sein, müssten sich die Corona-Demonstranten dann wohl oder übel gefallen lassen.

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