Bilanz-Skandal: Wie bei einem Dax-Konzern 1,9 Milliarden Euro verschwanden

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Was sich gerade mit Wirecard an der Börse abspielt, ist einzigartig in Deutschland und das leider im negativen Sinne. Nie zuvor hat ein Dax-Konzern in nur anderthalb Handelstagen 75 Prozent seines Börsenwertes verloren. Der Dax-Konzern ist heute 10,1 Milliarden Euro weniger wert als noch am Mittwochabend.

Ebenfalls außergewöhnlich ist der Auslöser dafür: Die Wirtschaftsprüfer von EY haben Wirecard das Testat für seine Jahresbilanz verweigert. Normalerweise geben die Experten damit bei jedem börsennotierten Konzern bekannt, dass alle Zahlen und Rechnungen in einer Bilanz richtig sind und den jeweiligen Gesetzen genügen.

Wofür Wirecard 1,9 Milliarden Euro hinterlegen musste

Doch bei Wirecard ist das nicht der Fall. Auslöser sind 1,9 Milliarden Euro, die der Konzern eigentlich auf zwei Treuhandkonten auf den Philippinen besitzen sollte. Das Geld ist als Sicherheit für Online-Zahlungen gedacht. Wirecard rechnet solche bargeldlosen Zahlungen weltweit ab. Zahlt bei einem Geschäft ein Käufer nicht, erstattet Wirecard dem Verkäufer den Verlust. Dazu sind hohe Reserven erforderlich. Im Gegenzug lässt sich der Münchner Konzern den Service mit hohen Gebühren entlohnen.

Die 1,9 Milliarden Euro sollten eigentlich verteilt auf zwei Konten bei der BDO Unibank und der Bank of the Philippine Islands (BPI) liegen. Erstere ist das größte Finanzinstitut des asiatischen Staates, letztere landet auf Platz 3. Anfang März bestätigen beide Banken EY auf Anfrage die Existenz der 1,9 Milliarden Euro auf ihren Konten. 1,123 Milliarden liegen bei der BDO, 813 Millionen bei der BPI.

Philippinische Banken dementieren Beziehung zu Wirecard

Normalerweise geben sich Wirtschaftsprüfer mit einer solchen Bestätigung zufrieden. Doch EY kommt sie spanisch vor, wie die “Süddeutsche Zeitung” berichtet. Die Prüfer stoßen sich daran, dass die Bestätigung innerhalb weniger Tage vorliegt, obwohl so etwas normalerweise Wochen dauert. Komisch sei auch, dass die Summen in Euro angegeben werden statt in US-Dollar oder der Landeswährung, in diesem Fall dem Philippinischen Peso (PHP).

Also schickt EY einen philippinischen Kollegen los, um vor Ort mit den Banken zu reden. Als der denen die angeblichen Bestätigungen für die Treuhandkonten vorliegt, schütteln die asiatischen Banker den Kopf. Die BDO erklärt, die Mitarbeiterin, die sie ausgestellt habe, sei dazu gar nicht befugt gewesen. Die Unterschriften von zwei Managern seien zudem gefälscht. Auch die BPI erklärt, die Bestätigung sei falsch. EY informiert Wirecard und die Finanzaufsicht Bafin. Von dort geht der Fall zur Staatsanwaltschaft in München.

„Wir haben keinerlei Beziehung zu Wirecard“, sagt BDO-CEO Nestor Tan gegenüber der Finanznachrichtenagentur Bloomberg. „Ein krimineller Mitarbeiter hat die Dokumente und Unterschriften gefälscht.“ Sein Institut habe auch die philippinische Zentralbank über den Fall informiert.

Treuhänder für Wirecard ist ein Familienanwalt

Wirecard selbst sieht sich als Opfer. Möglicherweise habe ein Mitarbeiter die 1,9 Milliarden Euro sogar unterschlagen. Erster Kandidat dafür wäre der vom Konzern eingesetzte Treuhänder auf den Philippinen. Laut “Süddeutscher Zeitung” handelt es sich dabei um einen jungen Anwalt für Familienrecht, den der Münchner Konzern erst im Oktober einsetzte.

Damals hatte der bisherige Treuhänder, die Firma Citadelle, seinen Vertrag mit Wirecard gekündigt und jegliche weitere Zusammenarbeit abgelehnt. Auffällig daran war, dass die Kündigung zeitlich mit einer von Wirecard initiierten Untersuchung seiner asiatischen Geschäfte durch die Wirtschaftsprüfer von KPMG zusammenfiel. Auch mit denen arbeitete Citadelle nicht zusammen, was am Ende auch dazu führte, dass KPMG Wirecard nicht von dem Vorwurf entlasten konnte, mit Scheingeschäften sein asiatisches Geschäft künstlich aufgebauscht zu haben.

Wirecard kann Kredite eventuell nicht mehr bedienen

Wo immer die 1,9 Milliarden Euro von den philippinischen Konten auch verschwunden sind, für Wirecard wird der Skandal zu einer ernsten Bedrohung. Bis heute muss der Konzern eine Jahresbilanz vorlegen, sonst können Gläubiger Kredite von bis zu zwei Milliarden Euro kündigen. Es ist zwar unwahrscheinlich, dass dies in dieser Höhe tatsächlich passiert, doch bei einem Konzern, der „nur“ 3,8 Milliarden Euro Fremdkapital besitzt, ist hier trotzdem ein substanzieller Teil der eigenen Finanzierung bedroht.

„Kurzfristig kann auch der ‚worst case‘ einer Zahlungsunfähigkeit nicht ausgeschlossen werden“, sagt Analyst Stephane Houri von der Frankfurter Privatbank Oddo BHF gegenüber der ARD. Eine bis 2024 laufende Unternehmensanleihe wird derzeit nur noch mit 31 Cent pro Euro gehandelt. Im Umkehrschluss bedeutet das, Investoren schätzen die Wahrscheinlichkeit eines Zahlungsausfalls hier mit mehr als 50 Prozent ein. Dass Wirecard nicht mehr zahlen kann, ist zwar trotzdem unwahrscheinlich, aber zumindest finanzielle Engpässe sind vorprogrammiert. Die könnten bis zum Ausschluss aus dem Dax führen, in den Wirecard erst 2018 mit Pauken und Trompeten einzog.

Experten zweifeln an der Kompetenz des Vorstandes

Der Skandal lässt viele Experten auch am Vorstand zweifeln. Robert Halver, Marktstratege bei der Baader Bank, ist irritiert, dass Wirecard überhaupt für gestern eine Bilanzpressekonferenz anberaumte, wenn doch das Testat von EY nicht vorlag. Und Jochen Stanzl, Chef-Marktanalyst bei CMC Markets, fragt sich, „warum man erst jetzt handelt, nachdem die Ungereimtheiten schon monatelang nicht ausgeräumt werden konnten.“

Begonnen hatten die schon Anfang 2019 mit einer Artikelserie der „Financial Times“, die Wirecard Bilanzfälschungen in Asien vorwarf. Sie war Auslöser für zahlreiche Kursrutsche im vergangenen Jahr und die vom Vorstand einberufene KPMG-Untersuchung. Wirecard hatte damals eine Kampagne von Short-Sellern gegen sich vermutet, die auf fallende Kurse beim Zahlungsdienstleister setzten.

Tatsächlich ist keine Dax-Aktie so oft „geshortet“ wie Wirecard. Und die Short-Seller sind denn jetzt auch die einzigen, die vom neuen Skandal profitieren: Bis zu 24 Prozent aller Wirecard-Aktien waren laut der Analysefirma S3 Partners im Besitz von Leerverkäufern. Sie haben jetzt im besten Fall mehr als 70 Prozent Gewinn gemacht.

Vorstands-Chef Markus Braun trat am Freitag zurück. Sein Nachfolger ist der Amerikaner James Freis.

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