Buschkowsky zu Demos: „Vertraue lieber drögen Forschern als aufgeregten Hühnern“

0
121
Werbebanner

FOCUS Online: Herr Buschkowsky, die Corona-Proteste erfassen immer mehr Städte in Deutschland. Was treibt die Protestierenden aus Ihrer Sicht an?

Heinz Buschkowsky: Diese Demonstranten gehören zu jenem Teil von Menschen, die Regelverweigerung als Beweis für Freiheit und Demokratie ansehen. Andere hingegen sagen: ‚Nein, das ist nichts weiter als Anarchie und steht für gesellschaftliche Verwahrlosung.‘ Letzteres sehe ich genauso. Denn unser System hält nur, wenn sich alle Regeln akzeptieren und sich an sie halten.

FOCUS Online: Es geht also gar nicht in erster Linie um die Forderung, auch zu Coronazeiten trotz harter Einschränkungen sich die Freiheit zurückzuerobern, trotzdem Massendemonstrationen abhalten zu können?

Buschkowsky: Nein. Diese Menschen sind Störenfriede, die sie auch sein wollen. Berufsdemonstranten eben. Heute gegen Klimawandel und Tierversuche, morgen gegen Autos und Luftverschmutzung und im Übrigen gegen alle gesellschaftlichen Pflichten bis hin zur Masernimpfung. Sie sind einfach gegen das System. Natürlich trifft es zu, dass das Grundrecht auf Versammlungsfreiheit derzeit eingeschränkt ist. Aber was nützt es mir, wenn ich, ohne mich an die Vorsichtsmaßnahmen zu halten, dafür demonstriere, mich dort anstecke und anschließend am Virus sterbe? Ich finde es angenehmer, daheim vor dem Fernseher zu sitzen, statt mit einem Tubus im Mund auf einer Intensivstation um mein Leben zu kämpfen.

FOCUS Online: Sie waren 15 Jahre lang Bürgermeister von Neukölln in Berlin. Beunruhigt Sie das, wenn Sie so viele dieser „Weltenretter“ demonstrieren sehen? Sogar der Verfassungsschutz warnt jetzt vor den politischen Folgen.

Buschkowsky: Was mich eher verwundert ist, dass eine so kleine Anzahl von Menschen derzeit so viel Raum in der Berichterstattung erhält. Selbst wenn in Berlin 3.500 Menschen auf die Straße gehen, bewegen wir uns in der knapp Vier-Millionen-Stadt damit im Promillebereich. Daraus kann man, denke ich, keine ernstzunehmende Revolutionsstimmung konstruieren. Sorgen mache ich mir allerdings um das katastrophale gesundheitliche Signal, das von solche einem Verhalten ausgeht. Der Effekt ist der gleiche wie beim britischen Premier Boris Johnson, der damit prahlte, dass er weiterhin jedem die Hand schütteln und sich von einem Virus doch nicht in die Knie zwingen lassen werde. Als er dann ein paar Tage später selbst auf der Intensivstation lag, war das eines dieser lehrreichen Wechselspiele zwischen Realität und Großschnäuzigkeit.

FOCUS Online: Was können Politiker Ihrer Sicht tun, um zu verhindern, dass aus diesen Protesten eine ähnliche Bewegung wie Pegida wird?

Buschkowsky: Die Verantwortlichen sollten sich auf das zurückbesinnen, was ihnen am Anfang der Coronakrise eigentlich recht gut gelungen ist. Sie sollten Ruhe bewahren und ihr Handeln an dem orientieren, was nach Faktenlage sinnvoll für die Eindämmung der Pandemie ist, statt sich wieder immer mehr dem politischen Schaulaufen zu widmen.

FOCUS Online: Sie spielen an auf den Lockerungsreigen der Ministerpräsidenten?

Buschkowsky: Exakt. Wie fatal sich das inzwischen auswirkt, war vorigen Mittwoch zu beobachten. Da überboten sich einzelne noch vor der Konferenz mit der Bundeskanzlerin, möglichst großzügige Lockerungen bei den Ausgehbeschränkungen zu präsentieren, nur um Punkte bei den Bürgern zu sammeln. Egal, ob für Parteivorsitz oder Merkel-Erbe. Von der CDU ist Armin Laschet in NRW vorgeprescht, als er merkte, dass sein bayerischer CSU-Amtskollege Markus Söder ihm das Wasser abgräbt. In Mecklenburg-Vorpommern winkt SPD-Ministerpräsidentin Manuela Schwesig mit einem 1000 Euroschein für jeden Beschäftigten in der Tourismusbranche. Und die Grünen schlagen vor, Einkaufsgutscheine wohl für Aldi im Volk zu verteilen. Eltern sollen die Kosten für das Mittagessen ihrer Kinder erstattet bekommen, weil es in Kita und Schule sonst for free ist. Beispiele gibt es mehr, Geld spielt keine Rolle. Ich frage mich wirklich, was all das soll!

FOCUS Online: An Ihrer Kritik des Lockerungs-Wettbewerbs zwischen den Ministerpräsidenten lässt sich ablesen, dass Ihnen die schrittweise Rückkehr zur Normalität, die auch bei den Corona-Demos propagiert wird, zu schnell geht.

Buschkowsky: Das stimmt. Ich gehöre selbst zur Risikogruppe. Die Lockerungen kommen meiner Meinung nach viel zu früh. Wir tun so, als hätten wir den Erreger besiegt, obwohl viele noch immer nicht einmal wissen, ob es der oder das Virus heißt. Dem Virus sind Eitelkeiten, Wahlen, Posten und Gemecker völlig piepe. Vorschnelle Lockerungen verschaffen ihm nur neuen Platz und Raum. Auch wenn dann wieder bleibende psychische Schäden unter Tränen bejammert werden, dass man Angehörige oder Bekannte schon wieder zwei Wochen nicht gesehen hat. Dabei ist oft die Nähe am größten, wo die Entfernung am weitesten ist. Sie kennen den bösen Satz: Familie ist schön, nur weit weg muss sie sein.

FOCUS Online: Haben Sie Angst vor einer zweiten Virus-Welle?

Buschkowsky: Das habe ich. Wenn ich sehe, dass zum Beispiel am 25. Mai in Mecklenburg-Vorpommern wieder alle Hotels geöffnet werden und der große “run” einsetzt, wird mir mulmig zumute. Ich vertraue lieber den Ratschlägen manchmal dröger Wissenschaftler als dem Gegackere aufgeregter Hühner. Egal ob bei der Demo oder in der Politik.

 

[Coustom ad_2]
Dieser Beitrag ist ein öffentlicher RSS Feed. Sie finden den Original Post unter folgender Quelle (Website) .

Krypto-Nachrichten ist ein RSS-Nachrichtendienst und distanziert sich vor Falschmeldungen oder Irreführung. Unser Nachrichtenportal soll lediglich zum Informationsaustausch genutzt werden.

Werbebanner

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

11 − acht =