Coesfeld: Bewohner wütend auf Fleischerei – „Ausbruch nur eine Frage der Zeit“

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Corona in Coesfeld: Corona-Wut auf Fleischerei: „Ein Ausbruch war nur eine Frage der Zeit“

Die westfälische Kreisstadt Coesfeld im Münsterland beherrscht die Nachrichten. Nachdem 129 der über 1.200 Mitarbeiter des Schlachthofes „Westfleisch“ positiv auf das Corona-Virus getestet wurden, stieg die Zahl bis zum Samstagnachmittag auf über 180. Die für ganz Deutschland beschlossenen Lockerungen sind hier erstmal verschoben. Die Menschen reagieren mit Wut, Enttäuschung und Sorge.

Es ist ein herrlich-schöner Frühlingstag in Coesfeld. Strahlend blauer Himmel, mildes Sonnenlicht, blühende Begonien in den Blumenkästen der Restaurants und Cafés. Nur noch vier Tage und auch das Leben in der Innenstadt wäre wieder vollends erblüht. Einige Restaurants und Cafés hatten schon eingekauft, Gäste hatten Tische für ihren ersten Restaurant-Besuch seit dem 18. März, dem Tag des Lockdowns, gebucht.

Auch Sabine Haselhoff (53), Chefin des alteingesessenen Hotel-Restaurants Haselhoff im Zentrum Coesfeld, hatte alles geplant. Als sie am Mittwochabend die ersten Meldungen über positiv getestete Mitarbeiter in der Fleischfabrik Coesfeld hörte, stoppte sie alle Bestellungen. „Da kommt noch was“, sagt sie im Gespräch mit FOCUS Online.

Coesfeld: „Wir alle sind stinksauer“

Sie sollte Recht behalten. Die Infektionen bei „Westfleisch“, der drittgrößten Fleischfabrik Deutschlands mit neun Standorten zwischen Coesfeld und Gelsenkirchen, weiten sich zum Skandal aus und werfen ein Schlaglicht auf eine Branche, deren Umgang mit Mitarbeitern schon seit Jahren ein Thema sind. Doch dazu später.

Sabine Haselhoff ärgert sich maßlos: „Ja, wir alle in Coesfeld sind stinksauer“, sagt die schlanke Frau mit den langen blonden Haaren, die eine weiße Bluse zur beigen Jeans trägt und nicht den Eindruck erweckt, schnell auf die Palme zu klettern. Was sie am meisten ärgert: „Alle haben sich strikt an die Vorgaben gehalten. Wir haben Abstände eingehalten, auf Hygienevorschriften geachtet, im Homeoffice gearbeitet und mitgearbeitet, wo wir konnten, damit wir das Virus in den Griff bekommen. Westfleisch konnte jedoch während der gesamten Zeit weiterarbeiten und ich frage mich, warum? Wie konnte das passieren?“

Genau diese Fragen treiben die Geschäftsleute und die Bewohner Coesfelds um: Warum durfte Westfleisch weiter schlachten und Fleisch produzieren, während bei Ford in Köln die Bänder still standen? Warum hat das Gesundheitsamt nicht früher genauer hingeschaut?

Westfleisch: Acht Männer auf 75 Quadratmeter

Grund genug dazu hätte es nach Meinung der Coesfelder genug gegeben. Michael Erhardt (68) wohnt auf dem Heideweg in Coesfeld, etwa 800 Meter entfernt vom Schlachthof. Zwei Häuser nebenan leben mehrere Mitarbeiter des Schlachthofes. „Sie wohnen mit sechs oder acht Männern auf 75 Quadratmeter“, sagt der Mann mit FP2-Maske und braunem Arbeitsanzug.

Am Fenster in der ersten Etage zeigen sich zwei Männer, die nur gebrochen Deutsch sprechen. Sie bestätigen, dass sie für Westfleisch arbeiten. Zu weiteren Angaben reichen ihre Deutschkenntnisse nicht. Die Männer kommen nach Angaben des Sozialpfarrers Peter Kossen (51) aus Bulgarien und Rumänien. Der Pfarrer hat vor mehreren Jahren das Bündnis „Würde und Gerechtigkeit“ gegründet, das sich für bessere Arbeitsbedingungen der ost- und südosteuropäischen Arbeiter auf Schlachthöfen und in der Ernte einsetzt.

„In den Schlachthöfen herrschen skandalöse Missstände“

Zusammen mit dem Theologen Dominik Blum (51) protestiert Kossen am Samstagmorgen vor der Einfahrt des Schlachthofes mit zwei großen Papp-Plakaten gegen die „unmenschlichen Arbeitsbedingungen“ der Arbeiter. „In den Schlachthöfen in Deutschland herrschen skandalöse Missstände“, sagt er. Die Arbeiter müssten bis zur Erschöpfung arbeiten, „hier werden konsequent europäische Arbeitnehmer-und Sozialstandards unterlaufen“, sagt Kossen.

Von Betroffenen habe er erfahren, dass sie 60 Stunden in der Woche arbeiten müssten und auch noch ihre Sicherheitsschuhe selbst bezahlen. Vor allem die Unterbringung mehrerer fremder Personen auf engstem Raum widerspreche allen Regeln zu Abstand und Hygiene, die von Bund und Ländern aufgestellt wurden. „Ein Ausbruch des Corona-Virus war nur eine Frage der Zeit“, glaubt Kossen.

Tatsächlich wurden nach Medienberichten bis gestern Abend 600 Mitarbeiter in deutschen Schlachthöfen positiv getestet. Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) kündigte laut ARD an, den „Arbeitsschutz für Saisonarbeiter in der Landwirtschaft und in der Fleischindustrie streng zu kontrollieren“. Westfleisch war für eine Stellungnahme am Samstagnachmittag nicht erreichbar.

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„Was da los ist, weiß jeder“

Sabine Kretschmer (52) überrascht der Ausbruch der Corona-Infektionen bei Westfleisch nicht. „Was da los ist, weiß jeder, der es wissen will“, sagt die Coesfelder Krankenschwester. Die Mitarbeiter würden in den Unterkünften auf engstem Raum „zusammengepfercht, damit der Betrieb Kosten spart“. Kretschmer wehrt sich gegen Scheinheiligkeit: „Viele Leute wollen möglichst viel und möglichst billiges Fleisch. Wie es produziert wird, ist ihnen egal.“

Der Konsum spiele sich auf dem Rücken der armen Lohnarbeiter aus den südosteuropäischen Ländern ab. „Das Schlimmste, was wir jetzt machen können, ist, auf ihrem Rücken Rassismus und Ressentiments auszuleben.“ Sie und ihr Mann André (55) könnten noch eine Woche Lockdown aushalten, „leid tun mir allerdings die Gastwirte, Eiscafés und die anderen Geschäftsleute, die haben die A-Karte“, sagt die Coesfelderin.

Gerade eröffnet, schon geschlossen

So wie Ayse Beyzu Bilgicer (20). Am 1. Januar hat sie ihr Eiscafé in der Innenstadt eröffnet. Vom Staat bekommt sie keine Unterstützung, weil sie noch keine Bilanz für das Vorjahr vorliegen kann. Ihr Vermieter gewährt ihr keinen Nachlass. „Das ist alles sehr schlimm. Ich hoffe aber, dass wir es irgendwie überstehen.“

Vom 18. März bis zum 2. April musste sie die Eisdiele schließen, vor der an diesem schönen Samstagnachmittag die Menschen Schlange stehen. Seitdem darf sie immerhin Eis zum Mitnehmen ausgeben. „Es ist ein bisschen Umsatz, aber das reicht natürlich nicht“, sagt die junge Unternehmerin, die zwei Mitarbeiter beschäftigt. Ihre größte Sorge: „Dass sich die Öffnung weiter verzögert, je nachdem wie sich die Fallzahlen bei Westfleisch und in Coesfeld entwickeln.“

Die Mitarbeiter in den Sammelunterkünften leben zwar am Stadtrand, in der Nähe ihrer Unterkünfte liegen jedoch Supermärkte und Bäckereien. Kontaktmöglichkeiten gibt es somit zuhauf. Nach Informationen von FOCUS Online fuhren die Arbeiter ohne Rücksicht auf die Corona-Bestimmungen zu mehreren Personen im selben Fahrzeug zur Arbeit oder zum Einkaufen. Darüber hinaus sind auch deutsche Mitarbeiter von Westfleisch infiziert, die in Coesfeld und den umliegenden Gemeinden leben.

„Sie sind die ärmsten Kerle“

Auch Sabine Haselhoff wehrt sich dagegen, die ausländischen Mitarbeiter zu Sündenböcke zu machen. „Sie sind die ärmsten Kerle.“ Für Coesfeld bedeute der Corona-Ausbruch  jedoch „eine weitere Unsicherheit auf unbestimmte Zeit“. Am  Freitag hat der Kreis Coesfeld die Maximalgrenze für aktuelle Neuansteckungen überschritten. Bei 50 Neuansteckungen pro 100.000 Einwohner über sieben Tage müssen die Bundesländer in den betroffenen Landkreisen wieder Ausgangsbeschränkungen verhängen, so die Vorgabe der Bundesregierung.

Während anderswo in Deutschland am Montag in weiten Teilen wieder das normale Leben beginnt, hat die Landesregierung NRW für Coesfeld die Lockerungen um eine Woche verschoben. Das heißt: Die Kontaktbeschränkungen bleiben bestehen, Gaststätten und Freizeitparks sowie Geschäfte mit einer Verkaufsfläche über 800 Quadratmetern bleiben geschlossen. Im Hotel-Restaurant Haselhoff steht  seit Donnerstag das Telefon nicht still: „Die Gäste sagen ihre Reservierungen ab, auf die sie sich so gefreut hatten“, sagt Sabine Haselhoff.

„Wer trägt hierfür die Verantwortung?“

Tanja Feldhaus (44) und Claudia Lange (51) vom Modehaus Heckmann steht die Enttäuschung ins Gesicht geschrieben. Seit einigen Tagen dürfen sie immerhin auf der untersten Etage verkaufen, für Montag war die Wiedereröffnung des gesamten Geschäfts geplant, das sich über drei Etagen erstreckt. „Die Kunden sind böse enttäuscht und wir sind es auch“, sagt Tanja Feldhaus.

Wie alle Coesfelder kennen sie die Arbeitssituationen im Schlachthof von Erzählungen. Warum vom Gesundheitsamt nicht genauer hingeschaut wurde, können sie ebenso wenig nachvollziehen wie Laura Schlattmann (25) und Rosie Manuse (49) von der Eis-Manufaktur Gelato Mio auf dem Gelände der ehemaligen Bundeswehrkaserne Flamschen. „Unverantwortlich“ nennt die blonde Eisverkäuferin Schlattmann es, dass die Fleischfabrik trotz Corona weiter produzieren durfte. „Wer trägt hierfür die Verantwortung?“, fragt die junge Frau, die im Hauptberuf als Büroangestellte arbeitet und nicht weiß, ob sie am Montag an ihren Arbeitsplatz zurückkehren darf.

Angst vor der Bayern-Regel im Corona-Hotspot

Ihre sizilianische Kollegin Rosie ist glücklich, in Deutschland und nicht in Italien zu sein, aber in Coesfeld versteht sie jetzt die Welt nicht mehr: „Wir streiten mit unseren wenigen Kunden darum, dass sie Abstand halten sollen und ihre Masken tragen müssen“. Das sei doch „alles unnütz und lächerlich“, wenn einige Sonderrechte haben, die sie sonst nur von ihrer Heimat kenne.

„Scheiße“ finden die ehemalige Grundschullehrerin Marlies Schwarte und ihr Mann Josef (71) die Situation. Sie trinken ihren Café auf einer Steinbank unter einer kleinen Linde. „Ich habe Angst vor einer richtigen Ausgehbeschränkung wie in Bayern. Wir wissen ja nicht, wie viele noch infiziert sind und wie das Ganze hier weiter geht.“

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Am Ende der “heute-show” wendet sich Welke ans Publikum – und trifft es auf den Punkt

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