Covid-19-Krise verändert unsere Kinder: “Es entsteht eine verlorene Generation”

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Emotionale und schulische Bildung: “Es entsteht eine verlorene Generation”: Wie die Covid-19-Krise unsere Kinder verändert

Die Corona-Pandemie ist eine Krise für die Kinder. Sie wirkt sich auf ihre emotionale, mentale und körperliche Gesundheit aus. Experten warnen vor einer „verlorenen Generation“ und dass manche Veränderungen ihr ganzes Leben beeinflussen.

Zu wenig hat die Politik in der Corona-Pandemie für Schulen und Kindergärten getan. Dieser Meinung sind mehr als die Hälfte der Befragten, nämlich 53 Prozent, im Deutschlandtrend. Das zeigt eine aktuelle Umfrage von Infratest Dimap im Auftrag von ARD-„Tagesthemen“ und „Welt“.

Dass Kinder – ganz im Gegensatz zum Profifußball und zur Autoindustrie – keine so kraftvolle Lobby haben, diskutieren immer mehr Menschen. Experten weisen darauf hin, dass die Corona-Krise mit all ihren Begleiterscheinungen die Kinder nachhaltig verändert.

Psyche: Emotionale Bedürfnisse werden vernachlässigt

Ganz egal, wie alt Kinder sind: Sie spüren genau, wenn ihre Eltern sich Sorgen machen – etwa wegen Covid-19, der Corona-Maßnahmen oder finanzieller Engpässe. Nicht nur das, sie nehmen diese Ängste auf, meist unbewusst. Louise Dalton und Elizabeth Rapa (beide vom Institut der Psychiatrie der Universität Oxford) haben sich in einem Kommentar im Fachjournal „The Lancet Child & Adolescent Health“ damit beschäftigt. Ein zentraler Punkt: Eltern sollten offen über ihre Gefühle sprechen. Nur so bekommen die Kinder die Sicherheit, dass sie auch über ihre Gefühle ehrlich reden können.

Denn Rapa befürchtet in einem Artikel der „BBC“, dass „die emotionalen Bedürfnisse der Kinder momentan komplett vernachlässigt werden“. Viele von ihnen wüssten jetzt viel über die körperlichen Auswirkungen der Krankheit und wie sich Ansteckung verhindern lässt. Doch es fehle ihnen Unterstützung dabei, wie sie mit Stress umgehen können.

Bei jüngeren Kindern sei vor allem zu beachten, dass sie sich in einer Phase des „magischen Denkens“ befinden. Sprich, sie glauben, dass ihre eigenen Gedanken und Verhaltensweisen bestimmte Ereignisse auslösen können. Im schlimmsten Fall machen sie sich beispielsweise für die Erkrankung von Verwandten verantwortlich und fühlten sich unglaublich schuldig. Das könne in dieser Krise passieren, sagte Dalton der „BBC“. Über dieses Phänomen und wie sie damit umgehen sollen, hätten Eltern oft zu wenig Informationen.

Chance und Herausforderung zugleich

Doch die Pandemie ist für die Psyche der Kinder nicht nur schlecht. Das Alter spielt hier eine große Rolle. Kinder- und Jugendpsychotherapeutin Gunda Frey sagte im Interview mit FOCUS Online: „Kleinere Kinder profitieren eher davon, dass viele Eltern nun sehr viel Zeit zu Hause verbringen.“ Für diese Familien sei die Zeit Chance und Herausforderung zugleich.

Eine Herausforderung, weil viele es aufgrund von Alltagspflichten und Hamsterrad-Routinen nicht mehr gewohnt seien, die Zeit miteinander zu verbringen. Die Expertin ergänzte: „Gleichzeitig ist eben das für die Kinder die Chance, dass ihre psychischen Grundbedürfnisse von Eltern in einer anderen Qualität erfüllt werden können als von pädagogischen Fachkräften, und man wertvolle Familienzeit ‚geschenkt‘ bekommt.“

Das bestätigt eine aktuelle Untersuchung, über die „Zeit Online“ berichtet. Die SOEP-Sonderauswertung zeigte: Auch wenn „die Eltern stark eingespannt und gestresst sind, hat die Zufriedenheit mit dem Familienleben keineswegs gelitten“.

Die Wissenschaftler des Sozio-oekonomischen Panel (SOEP) haben Daten der sogenannten SOEP-CoV-Studie ausgewertet, die das SOEP am DIW Berlin zusammen mit der Universität Bielefeld durchführt und die Arbeitsteilung zwischen Männern und Frauen in Zeiten der Pandemie untersucht. In der repräsentativen Studie befragen sie seit April regelmäßig mehr als 10.000 Menschen, um die sozio-ökonomischen Folgen der Pandemie in Deutschland zu untersuchen. 

Die Forschenden erfuhren, dass 39 Prozent der Befragten die Qualität des Familienlebens weiter als gut empfanden. 23 Prozent berichteten sogar, dass sie mit dem Familienleben in der Krise sogar zufriedener seien als vorher. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler kommen zu dem Schluss, dass „gerade bei Familien mit Kindern (..) im Vergleich zum Vorjahr“ das Zusammenleben „als weniger belastend erfahren wird“.

Sie werden Unselbstständige oder Extremisten

Ganz anders zeigt sich die Situation der älteren Kinder. Dalton und Rapa warnten vor langfristigen Verhaltensproblemen durch den Verlust der eigenen Freiheit. „Die Aufgabe der Jugendlichen in der Pubertät ist es, autonom zu werden, sich eine eigene Meinung zu bilden und auch in Rebellion zu gehen“, erklärte Gunda Frey ebenfalls. Das sei richtig und extrem wichtig in dieser Phase. Dadurch, dass sie sich nicht ausleben durften, wurden sie in einer sehr wichtigen Entwicklungsphase so radikal beschnitten, dass es ihr Sorgen bereitet.

In ein oder zwei Jahren würden diese jungen Menschen uns zeigen, wie sie mit dem Verlust ihrer Autonomiephase umgegangen sind.

Entweder werden sie diese mit aller Macht nachholen, dann haben wir das größer werdende Problem der Kategorie von politischen Extremisten. Oder sie verpassen ihre Autonomieentwicklung komplett und somit den Weg in die Eigenständigkeit – um mal zwei mögliche Extreme zu nennen.

Gunda Frey

Beides hätte sehr nachteilige Langzeitfolgen für unser Land.

Was hilft?

Rapas Lösung für eine gesunde Psyche: „Wenn jeder anfängt, offen über Stressfaktoren zu sprechen, werden die Dinge besser.“

Gunda Frey hat ähnliche Vorschläge: Für alle gehe es um einen Übergang in die künftige Normalität, die altersentsprechend und auf Augenhöhe kommuniziert werden müsse. Zudem müssten die psychischen Grundbedürfnisse erfüllt werden. Und um die langfristige Gesundheit unserer Kinder zu gewährleisten, „müssen wir auf mehr achten als auf die Prüfungen und Noten, die jetzt vielleicht nicht stattfinden oder nicht gegeben werden können“.

Soziale Kompetenzen

Ähnliches gab der Vorsitzende des Deutschen Lehrerverbandes, Heinz-Peter Meidinger, im Gespräch mit FOCUS Online zu bedenken: „Die Schule ist nicht nur ein Ort der Bildungsvermittlung, sie ist auch ein Ort der Begegnung, der Kommunikation und Sozialisation.“

Insofern fiel hier während der Schulschließungen für alle Altersgruppen ein wichtiger Kontext weg, um soziale Kompetenzen zu entwickeln. Wie gravierend sich das auswirkt, muss sich erst noch zeigen.

Dazu kommt Andreas Schleicher ins Spiel. Seine Pisa-Studie kennt beinahe jeder. Alle drei Jahre treten mehr als 70 Länder zum großen Leistungstest an. Dadurch zählt der Mathematiker zu den bekanntesten Bildungsforschern der Welt. Er leitet den Bildungsbereich der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung.

„Diese Krise ist im Grunde so etwas wie ein Pisa-Test“, sagte Schleicher dem „FOCUS Magazin“. Das digitale Klassenzimmer funktioniere in Deutschland – im Gegensatz zu Ländern wie Singapur – noch nicht. Darüber hinaus habe Corona aber vor allem eines gezeigt: Auch soziale und emotionale Kompetenzen spielten im Schulalltag eine wichtige Rolle. Darum plant der Bildungsforscher, in der nächsten Pisa-Studie erstmals diese Kompetenzen ebenfalls zu messen: „In diesem neuen Modul geht es um die Beziehung zwischen Lehrern, Schülern und Schule – und wie diese sich verändert hat durch die Corona-Krise.“

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Intellektuelle Kompetenzen

Vor den Langzeitfolgen des monatelangen Homeschooling warnen Experten schon länger. Eine von ihnen ist Bildungsforscherin Nele McElvany. Sie ging im Gespräch mit FOCUS Online davon aus, „dass sich soziale Ungleichheiten durch den familiären Hintergrund verstärken“. Wir müssten damit rechnen, dass die soziale Schere durch das Homeschooling deutlich auseinander geht. Und ergänzte: „Kinder aus bildungsfernen Familien leiden also besonders – je jünger die Kinder, desto stärker, weil sie noch mehr Unterstützung brauchen als ältere Kinder.“

Ein weiteres Problem des Homeschooling: Es funktioniert nur dann, „wenn das Kind ein gewisses Maß an Selbstständigkeit und Lernmotivation mitbringt“.  Das ist individuell ganz unterschiedlich. Lehrer seien der Bildungsforscherin zufolge allerdings darauf trainiert, diese Unterscheide auszugleichen. Zudem kennen sie didaktische Strategien und wüssten, welche Probleme beim Lernen in Kinderköpfen entstehen können, wie sie sie verstehen und damit umgehen können. Das könnten Eltern so nicht leisten.

 

 
 

 

McElvany leitete zudem eine bundesweite Umfrage, die das Institut für Schulentwicklungsforschung (IFS) an der TU Dortmund von Mitte April bis Ende Mai mit insgesamt rund 3600 Lehrkräften aller allgemeinbildenden Schulformen durchführte. Die Lehrkräfte warnen: Die sozial bedingten Ungleichheiten im Bildungssystem haben zugenommen, und es wird weniger gelernt.

Konkret heißt das:

1. In der bundesweiten Umfrage gaben 79 Prozent der Lehrkräfte aller Schulformen an, dass die Schülerinnen und Schülern in vielen Fächern weniger gelernt haben als während des Regelunterrichts in der Schule.

2. Rund 90 Prozent der Lehrkräfte stimmten der Aussage teils beziehungsweise komplett zu, dass sich die sozial bedingten Ungleichheiten aufgrund der Corona-Pandemie verstärkt haben.

Was tun?

Eine Lösung für die Schwierigkeiten im Bildungsbereich gibt es aktuell noch nicht. Etwa ein Viertel der Schüler sieht Lehrerpräsident Meidinger schon abgehängt. Für ihn geht es vor allem darum, dass Schüler ihren angestrebten Abschluss erreichen. Freiwillig eine Klasse zu wiederholen, sei für manche Schüler sinnvoll, „weil zu große Lücken aufgetreten sind und man weiß, dass eine individuelle Förderung von leistungsschwächeren Schülern im kommenden Schuljahr wohl vielerorts unter den derzeitigen Rahmenbedingungen nicht stattfinden kann und wird“.

Sommerschulen betrachten weder die Bildungsforscherin McElvany noch Meidinger als geeignete Möglichkeiten, um mit Kindern den verpassten Schulstoff nachzuholen. Mit den Sommerschulen erreiche man eher bildungsehrgeizige Familien statt der Schüler, die aus sozial schwierigeren Verhältnissen kommen, diejenigen mit Migrationshintergrund und die mit Motivationsproblemen.

Dementsprechend warnte das Deutsche Kinderhilfswerk ebenfalls vor den langfristigen Folgen. „Wir bekommen es hier, wenn wir nicht schnell den Weg der vollständigen Öffnung von Schulen und Kitas gehen, womöglich mit einer verlorenen Generation zu tun“, sagte Verbandspräsident Thomas Krüger unlängst der „Welt“. „Wir dürfen nicht zulassen, dass sich die Kollateralschäden auswachsen.“

Ökonomen zufolge werden die Kinder von heute auch auf dem Arbeitsmarkt mit größeren Nachteilen konfrontiert sein, warnte Krüger: „Es droht eine Generation, die Corona ausbaden muss.“

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Ökonomische Zukunft der Kinder

Ähnlich sehen das Bildungsexperten wie Ludger Wößmann vom Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung in München. Der Schul-Lockdown werde ihnen zufolge gravierende Folgen für die Bildungsrepublik Deutschland haben, wie Wößmann dem „FOCUS Magazin“ sagte. Die Wissenslücken schaden nicht nur den Kindern, sondern auch der Wirtschaft. Die Politik habe nämlich ihre wichtigste Ressource vergessen: die Bildung.

Bildungsökonom Wößmann zeigte sich im Bericht skeptisch, was die Begrenzung des bisherigen Schadens angeht.

Ich glaube, wir sind über den Punkt hinaus, an dem man die Wissenslücken und ihre Konsequenzen komplett auffangen könnte.

Ludger Wößmann

Darum war er einer der 90 Forscher-Kollegen, die in einem Schreiben („Bildung ermöglichen!“) die schrittweise Öffnung der Schulen forderten. „Mit jedem Schuljahr und dem entsprechenden Kompetenzerwerb erzielen Schüler später mal ein zehn Prozent höheres Lebenseinkommen“, sagte der Wissenschaftler. Diese Rechnung funktioniere aber genauso andersherum. „Wenn jetzt ein Drittel des Schuljahres einfach wegfällt, bedeutet das für die Schüler drei bis vier Prozent weniger Lebenseinkommen.

Körperliche Gesundheit

In Quarantäne erlebte jedes zehnte Kind Gewalt. Diese alarmierenden Ergebnisse zeigte die Online-Studie von Janina Steinert, die als Sozialwissenschaftlerin an der Technischen Universität München (TUM) mit der Volkswirtin Cara Ebert vom RWI Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung die Untersuchung leitete. Besonders betroffen waren Kinder unter zehn Jahren. Die Eltern seien durch Arbeit und die Betreuung bei Schul- und Kitaschließungen doppelt belastet.

Die wirklichen Auswirkungen seien wahrscheinlich erst nach der Krise erkennbar, erläuterte die Frauenrechts-Organisation Terre des Femmes dazu. Die Studie zeige aber, dass die Gewalt zugenommen habe.

„Dies war zu erwarten, denn das eigene Zuhause ist kein sicherer Ort für missbrauchte Frauen und ihre Kinder“, sagte die Referentin für häusliche und sexualisierte Gewalt, Vanessa Bell. „Bei Tätern hängt das Verhalten meist mit Macht und Kontrolle zusammen, daher hat eine Krise auch immer Potenzial, das Verhalten von gewalttätigen Männern eskalieren zu lassen.“

Wo gibt es Unterstützung?

Generell stehen Eltern, Jugendlichen und Kindern viele Hilfsangebote zur Verfügung. Dazu zählt beispielsweise die „Nummer gegen Kummer“ 116 111. Schon seit Februar 2020 verzeichneten die Berater einen deutlichen Anstieg an den Telefonen- und in der Online-Beratung. So fanden beim Elterntelefon im April knapp 55 Prozent mehr Beratungen statt als im Vormonat. In der Telefonberatung für Kinder und Jugendliche waren es knapp sechs Prozent mehr.

Bundesfamilienministerin Franziska Giffey bedankte sich bei den ehrenamtlichen Unterstützern. „Bei Kindern reicht der Beratungsbedarf von Langeweile bis zu Konflikten oder sogar Gewalterfahrungen in der Familie“, sagte Giffey in einer Pressemitteilung. „Eltern suchen Hilfe, wenn sie verunsichert oder überfordert sind oder Wege finden wollen, um Konflikte zu Hause zu lösen. Wenn nötig, öffnen die vielen ehrenamtlichen Beraterinnen und Berater, die sich heute mehr denn je engagieren, Türen zu weiteren Angeboten der Hilfe und der Unterstützung. Ihnen gilt wie all den anderen Bürgerinnen und Bürgern, die gerade in der Corona-Krise anderen Menschen helfen, mein Dank.“

Business-Coach verrät den Schlüssel, wie Sie nach der Krise zu sich selbst finden

keko/mit Material der dpa


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