Deutsche eskalieren auf Mallorca: Erleben wir jetzt die Phase der Virus-Chaoten?

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FOCUS Online: Herr Grünewald, nicht nur auf Mallorca sind am Wochenende Deutsche bei wilden Partys eskaliert. Auch in Österreich, Kroatien und Südfrankreich wurden Abstands- und Maskengebot bewusst ignoriert. Gibt es eine psychologische Erklärung dafür, dass sich so viele im Urlaub wie Corona-Chaoten verhalten?

Stephan Grünewald: Wenn wir verreisen, suchen wir buchstäblich das Weite. Viele bestreiten das ganze Jahr mit Disziplin und Formstrenge. Im Urlaub wollen sie dieser Enge entfliehen, sie genießen die Sinnlichkeit und Unbeschwertheit des Südens und legen buchstäblich Hemd und Hemmungen ab. Wenn dann auch noch Alkohol hinzukommt, zersetzt das das Kontrollvermögen, wir verflüssigen uns im Rausch und wollen nicht nur den nächsten, sondern die ganze Welt umarmen.

Genau das ist auf Mallorca geschehen. Die Exzesse am Ballermann sind ja nicht exaltierter als sonst – sie finden nur unter anderen Voraussetzungen statt. Dass es nach Aufhebung der Reisebeschränkung zu solchen Szenen kommen würde, war voraussehbar. Wir konnten diese Tendenz anhand unserer psychologischen Tiefeninterviews schon länger ablesen.

Nach Lockdown: “Deutsche empfinden große Sehnsucht nach Gemeinschaft, Nähe und Umarmung”

 FOCUS Online: Was erzählen Ihnen die Menschen?

Grünewald: Viele Menschen empfinden derzeit eine wachsende große Sehnsucht nach Gemeinschaft, Nähe und Umarmung. Wir alle haben in den letzten Monaten ja eine Art soziale Fastenzeit erlebt. Und wie beim normalen Fasten ist die Lust auf Kuchen, Fleisch und Völlerei nach der Entbehrung groß. Nicht nur jungen Menschen verspüren eine große Lust nach Verbrüderung und Vergeschwisterung, nachdem das Schlimmste überstanden scheint. Auf Mallorca suchen manche daher nicht nur das Bad im Mittelmeer, sondern auch in der Menge. Nicht allen reicht es, weiter zu Hause zu bleiben oder den regelkonformen Kontemplativ-Urlaub an Nord- und Ostsee zu verbringen. Viele wollen Partylaune, steil gehen, einen drauf machen. Vor allem die Jugend.

FOCUS Online: Warum eskalieren jetzt vor allem junge Leute?

Grünewald: Die Jugend wurde durch den Lockdown in eine Art Vorruhestand geschickt. All die Einschränkungen, die erzwungene Häuslichkeit, das kontemplative Momentum der Entschleunigung entsprechen nicht dem Lebensduktus der Jugend. Die Jugend ist die Zeit des Überschwangs und des Aufbegehrens. Jungen Menschen geht es ums Experimentieren mit dem Leben, um sexuelles Ausprobieren, ums Küssen, Händchenhalten, um Fernreisen und Auslandssemester.

Partys auf Mallorca: “Was wir jetzt erleben, ist eine abrupte Selbstbefreiung der Jugend”

All das war in den vergangenen Monaten nicht möglich. Junge Menschen wurden durch die Coronakrise also viel stärker in ihren Ausbreitungstendenzen beschränkt als ältere Semester. Was wir jetzt erleben, ist eine abrupte Selbstbefreiung von Teilen der Jugend, ein neuer Corona-Überschwang, der auch verständlich ist.

FOCUS Online: Im letzten Interview mit FOCUS Online sprachen Sie davon, dass wir gerade in einer Art Zwischenwelt leben, die seltsam gebremst und abgedämpft wirkt. Wie passt das mit der lautstarken Party-Wut am Ballermann zusammen?

Grünewald: Wir sind gerade dabei, uns in dieser neuen Zwischenwelt einzurichten; und das ist gar nicht so leicht. Einerseits können wir wieder Freunde treffen, einkaufen gehen und reisen. Andererseits führen wir immer noch ein Leben mit der Handbremse, weil die Gefährdung durch das Virus ja nicht verschwindet. Es geht jetzt also darum, unseren Alltag komplett neu zu normieren und Spielregeln zu finden, die das Spannungsverhältnis aus Einschränkung und Ausleben regulieren.

Dieses Austarieren passiert mitunter auch durch Grenzüberschreitungen in die eine oder andere Richtung. Wenn Menschen auf Mallorca wild feiern und dabei keinen Abstand halten und auf Masken verzichten, stellen sie die Regeln unserer neuen Welt nach Corona auf die Probe. Die momentane Phase gleicht in gewisser Weise also dem Kinderspiel „Fischer, wie weit darf ich reisen“: Die Menschen probieren aus, wie weit sie gehen können, ohne aus der Kurve zu fliegen.

Regeln nach der Krise: “Unser Leben nach Corona ist eine schwere Geburt”

FOCUS Online: Die Partygänger auf Mallorca testen also ihre „Corona-Grenzen“ aus. Ein Kinderspiel ist das aber nicht. Immerhin geht es um die Gesundheit anderer Touristen und der Inselbevölkerung.

Grünewald: Daher ist auch eine elterlich Autorität notwendig. Am Ballermann oder auf den Feierplätzen in Deutschland müssen Ordnungskräfte auf die Regeleinhaltung achten, sonst wird die Regel zur Farce. Die neue Normierung unseres Alltagslebens ist daher für alle anstrengend. Sie nervt und ist mit sehr viel Ärger und Wut verbunden. Die einen regen sich über diejenigen auf, die die Regeln ignorieren und unsere Gesundheit dadurch gefährden. Den anderen sind gerade jene ein Dorn im Auge, die am in ihren Augen obsolet gewordenen Masken- und Abstandsgebot festhalten oder die Regelbeachtung durchsetzen. Wir erfahren also alle gerade eine gewisse produktive Ernüchterung. Unser neues Leben nach Corona ist eben eine schwere Geburt.

“Neue Welt ist ein Dilemma – nicht nur für Touristen auf Mallorca, sondern für alle Deutsche”

FOCUS Online: In der Corona-Krise haben wir viel von einer neuen Solidarität gesprochen. Droht uns jetzt eine Post-Corona-Kluft in der Gesellschaft?

Grünewald: Die Zwischenwelt, in der wir jetzt gerade leben, wartet mit einem Dilemma auf, das uns alle betrifft – nicht nur die Touristen auf Mallorca, sondern alle Deutsche. Wir müssen mit der Tatsache fertig werden, dass wir einerseits weiterhin vorsichtig sein sollen, um unsere Gesundheit und die der anderen nicht zu gefährden. Andererseits wollen viele nach den Monaten des Social Distancings aber endlich wieder Nähe und Intimität spüren, sie wollen sich umarmen und sich als Gruppe erleben. Wir erleben also gerade den klassischen Konflikt zwischen Einschränkung und Ausleben, der durch die besondere Corona-Situation extrem zugespitzt wird.

“Wir müssen Mittelweg zwischen Einschränkung und Lebenslust finden”

Damit wächst auch die Gefahr, dass sich in dieser Situation fundamentalistische Lager herausbilden. Die einen setzen auf volle Risikominimierung und Abschottung, sie laufen von morgens bis abends mit Maske herum und dramatisieren die Corona-Gefahr. Die anderen ignorieren, bagatellisieren oder leugnen die Gefahr, sie feiern am Ballermann und andernorts sich selbst und den Exzess und verhalten sich so, als wäre nichts gewesen.

Dieses Spannungsfeld müssen wir jetzt aussöhnen. Die große Herausforderung besteht darin, einen vernünftigen und gesunden Mittelweg zwischen Einschränkung und Lebenslust zu finden.

Maskenpflicht: “Der Mundschutz ist ein Mahnmahl, das uns daran erinnert, dass Virus noch da ist”

FOCUS Online: Ein umstrittener Punkt dabei ist die Maskenpflicht. Viel wurde in den vergangenen Wochen über Sinn und Unsinn des Mundschutzes diskutiert. Wie stehen die Menschen zur „Corona-Maske“?

Grünewald: Die Maske ist für die Deutschen ein Mahnmal, das uns daran erinnert, dass Corona noch nicht vorbei ist. Niemand trägt sie gerne. Trotzdem überwinden sich die meisten, um sich und vor allem die anderen vor dem Virus zu schützen. Gleichzeitig bevormundet sie uns im wahrsten Sinne des Wortes: Unser Leben begründet sich durch unser Atmen, Essen und Sprechen. Diese Grundfunktionen des Lebens und Kommunizierens werden durch diesen „Maulkorb“ eingeschränkt.

Das viel größere Problem: Die Maske ist dabei, zu einer Klassifikation, zu einem Erkennungszeichen unterschiedlicher gesellschaftlicher Gruppen zu werden – nach dem Schema: Hier die Maskenträger und Erfüllungsgehilfen, dort die Nicht-Träger und die Hasardeure. Das sorgt nicht nur für Zündstoff. Die Maske wird auch gar nicht mehr als das gesehen, was sie eigentlich ist: eine Schutzvorrichtung. Stattdessen dient der Mundschutz als Wappen, als Fahne einer Fraktion in der neuen Post-Corona-Welt.

Zweite Welle: “Neuer Lockdown wäre für Deutschland ein Schlag ins Gesicht”

FOCUS Online: Befürworter der Maskenpflicht argumentieren, der Mundschutz helfe uns dabei, eine zweite Virus-Welle zu verhindern. Wären die Deutschen psychisch überhaupt in der Lage, nochmal einen Lockdown mitzumachen?

Grünewald: Der erste Lockdown hat deshalb vergleichsweise gut funktioniert, weil es in Deutschland einen kollektiven Schulterschluss gegen das Virus gab. Alle wollten raus aus der Ohnmacht – und es hat funktioniert, weil die Gesellschaft sich einig war in dem, was gegen den Viruskampf unternommen wurde.

Diese Einmütigkeit haben wir inzwischen nicht mehr. Falls ein zweiter Lockdown nötig werden würde – was ich im Moment für unwahrscheinlich halte – müssten dieser unter Androhung drakonischer Strafen durchgesetzt werden. Es wäre ein höchst schwieriges Unterfangen – und ein Schlag ins Gesicht vor allem derjenigen, die sich immer stark eingeschränkt haben.

FOCUS Online: Damit es nicht so weit kommt: Wie müssen wir uns in unserer neuen Normalität einrichten, damit wir alle gemeinsam gut und gesund leben können?
Grünewald:
Wir müssen zu allererst eine bittere Pille schlucken: Anfangs hatten wir alle ja die Hoffnung, dass Corona schnell wieder verschwindet und wir schon an Ostern die Auferstehung aus der Gruft des Lockdowns feiern können. Sie wurde bekanntlich enttäuscht. Wann ein Impfstoff wirksam und flächendeckend zum Einsatz kommen kann, ist ungewiss. Corona wird uns also voraussichtlich noch lange Zeit begleiten.

Leben mit Virus: “Wir brauchen ganz andere Verhaltensregeln”

Nun müssen wir einen im Umgang mit der Pandemie eine angemessene Rhythmik finden. Derzeit erleben wir in Deutschland allerorten Partys und Unbekümmertheit, ohne dass es zu der befürchteten zweiten Welle gekommen ist. Das wird im Herbst und Winter aber höchstwahrscheinlich anders sein. Wir werden uns in die Enge unserer Häuser und Gebäude zurückziehen, in der das Virus leichteres Spiel hat. Es wird schwierig sein, das politisch und gesellschaftlich zu vermitteln: Aber wir brauchen dann ganz andere Verhaltensregeln als jetzt.

Ich könnte mir durchaus vorstellen, dass wir in Zukunft im Sommer ganz ohne Maskenpflicht auskommen und uns pünktlich mit der Zeitumstellung im Oktober wieder verhüllen müssen. Im Umgang mit der Grippe-Saison machen wir das ja seit vielen Jahren so. Wir werfen dann automatisch den Schal über und ziehen dicke Socken an.

Was ich damit sagen will: Das Leben mit Corona ist für uns alle ein Lernprozess, den wir leider fortführen müssen, solange es das Virus gibt. Wir werden mal größere, mal mildere Vorsicht an den Tag legen müssen. Im Moment stehen wir erst am Anfang dieses neuen Lebens mit Corona. Dass es dabei zu Irritationen wie jüngst auf Mallorca kommt, ist alles andere als verwunderlich – und gehört zu einem Lernprozess dazu.

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