Flüchtlinge als Chance: Wie eine Problemstadt zum Integrationsvorbild wurde

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Altena im Sauerland: Flüchtlinge als Chance: Eine Problemstadt macht vor, was “Wir schaffen das” bedeutet

Donnerstag, 03.09.2020, 09:38

Lange galt Altena als Problemstadt, keine andere westdeutsche Kommune schrumpfte in den vergangenen Jahren stärker. Die Entscheidung, 2015 mehr Flüchtlinge aufzunehmen als nötig, markierte den Start einer neuen Ära. Heute gilt Altena als Integrationsvorbild.

Wer nach Altena ins Sauerland reist, dem fällt als erstes ein massives, steinernes Schloss auf, das sich entlang einer Felswand erstreckt. Das wuchtige Gebäude aus dem 12. Jahrhundert ist eines der wichtigsten Wahrzeichen der Stadt, zahlreiche Legenden ranken sich um die “Spornburg”. Trotzdem ist es nicht das historische Bauwerk, das die meisten Menschen mit der Gemeinde verbinden. Viele denken stattdessen an die Flüchtlingskrise 2015, die die Kleinstadt vor fünf Jahren in die Schlagzeilen rückte.

Während zahlreiche Kommunen überfordert mit der Unterbringung der ihnen zugewiesenen Asylbewerber waren, entschied man sich in Altena, 100 Flüchtlinge mehr aufzunehmen als nötig – trotz finanzieller Schwierigkeiten. Fünf Jahre ist dieser Schritt nun her, in der Gemeinde hat sich einiges getan. Das Gespräch mit den Menschen dort zeigt, wie ernst die Altenaer Merkels viel zitierte Worte “Wir schaffen das” nehmen. Klar wird aber auch: In der Corona-Krise stößt die Integrationspolitik auf neue Probleme.

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Flüchtlinge als Chance in Altena: “Haben viele interessante Menschen dazugewonnen”

Bürgermeister Andreas Hollstein (CDU) sagt im Gespräch mit FOCUS Online: “Ich halte den Satz der Bundeskanzlerin für richtig. Wir haben die Herausforderung angenommen und sie positiv bewältigt.” Zum fünfjährigen Jubiläum der Flüchtlingskrise zieht er eine erfreuliche Bilanz. “Letztlich sind die meisten Flüchtlinge, die nun bei uns in Altena leben, eine Bereicherung für die Bevölkerung. Unser Konzept ist aufgegangen, wir haben sehr viele interessante Menschen dazugewonnen”, erklärt er.

Altenas Integrationskonzept ist einfach, aber effektiv. Die Kleinstadt bietet Flüchtlingen seit dem ersten Tag Deutschkurse an, sogenannte “Kümmerer” helfen Zuwanderern bei Behördengängen oder erklären ihnen die Grundsätze der Mülltrennung. Sammelunterkünfte gibt es in Altena nicht: Flüchtlinge werden dezentral in vormals leerstehenden Wohnungen untergebracht. Dass das möglich ist, liegt auch an einem großen Problem, mit dem die Gemeinde zu kämpfen hat. Denn Altena schrumpfte in den vergangenen Jahrzehnten so stark wie keine andere westdeutsche Kommune. Zählte die Stadt 1970 noch rund 32.000 Einwohner, leben heute nur noch knapp 17.000 Menschen in der Gemeinde.

“Natürlich hatten wir dadurch freien Wohnraum”, sagt auch Hollstein. Dieser sei an die Stadt vermietet und für die Flüchtlinge hergerichtet worden. Eine “Win-Win-Situation”, wie es der Bürgermeister nennt. Für ihn steht fest: “Das sind neue Nachbarn, die wir gern in unserer Stadt haben wollen. Über die Jahre sind sehr viele Zuwanderer bei uns geblieben, insgesamt über 400”, sagt er. So lautet auch das Motto der Stadt: “Vom Flüchtling zum Altenaer Mitbürger”. Viele Migranten haben inzwischen ihren Schulabschluss gemacht, eine Ausbildung begonnen oder eine Arbeit aufgenommen.

Hollstein von Moria-Bildern schockiert: “Das ist nicht mein Europa”

Hollstein hat sich 2015 für die Aufnahme der 100 zusätzlichen Flüchtlinge eingesetzt. “Ich bin in der deutsch-griechischen Versammlung aktiv und habe die Lager in Griechenland gesehen. Das war für mich nicht Europa“, sagt er. So platzt das wohl bekannteste Flüchtlingslager Moria aus allen Nähten, es ist für maximal 3000 Menschen ausgelegt, aber seit Jahren hoffnungslos überfüllt. Den Flüchtlingen fehlt es an Essen, Hygiene und Medizin. Von den Zuständen schockiert, beschloss Hollstein, es in Altena besser zu machen.

Begleitet hat ihn auf einer Griechenland-Reise die Wissenschaftlerin Petra Bendel. Die 55-Jährige forscht seit Jahren zur Migrations- und Flüchtlingspolitik und ist Vorsitzende des Wissenschaftlichen Beirats des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF). “Altena ist ein gutes Beispiel dafür, dass das Engangement von Schlüsselpersonen und ein positiver Umgang mit dem Thema Flüchtlinge eine große Rolle für das Gelingen von Integration spielen”, sagt sie im Gespräch mit FOCUS Online.

Denn fragt man bei Hilfsorganisationen im Raum Lüdenscheid nach Personen, die sich in der Flüchtlingsarbeit engagieren, fällt häufig der Name Hollstein. Wie der “Westfälische Anzeiger” berichtet, veranstaltete der Bürgermeister beispielsweise ein “Unternehmerfrühstück”, um Flüchtlingen Arbeitsplätze zu beschaffen – weil er nicht auf die Agentur für Arbeit oder die IHK vertrauen wollte. 2018 erhielt der CDU-Politiker für seinen Einsatz sogar den Nansen-Flüchtlingspreis der Vereinten Nationen.

Studie zeigt: Flüchtlingskrise hat kommunale Integrationspolitik befeuert

Natürlich ist Altena nicht die einzige Kommune, die sich um die Integration von Flüchtlingen bemüht. Bendel weiß das sehr genau: Sie hat sich im Rahmen einer groß angelegten Studie mit der Eingliederungsarbeit deutscher Kommunen beschäftigt. Gemeinsam mit anderen Forschern führte sie eine Untersuchung mit dem Titel “Zwei Welten? Integrationspolitik in Stadt und Land” durch. Die Wissenschaftler interviewten Verwaltungsangestellte, aber beispielsweise auch Mitarbeiter von Hilfsorganisationen.

Im Ergebnis zeigt die Studie laut Bendel vor allem eines: “In nahezu allen Kommunen hat die starke Flüchtlingszuwanderung 2015 dazu geführt, dass sie sich integrationspolitisch breiter aufgestellt haben.” Dabei spiele es keine Rolle, wie groß eine Gemeinde sei – viele Kommunen hätten sehr pragmatisch auf die Krise reagiert. “Ein Beispiel: Eigentlich fördert das BAMF Sprachkurse für Flüchtlinge mit hoher Bleibeperspektive. Vielen Gemeinden ist das aber egal, sie gehen davon aus, dass die meisten Geflüchteten bleiben werden. Das heißt, sie bieten einfach von sich aus Deutschkurse an”, erklärt sie.

Dennoch würden einige Kommunen die mangelnde Nachhaltigkeit der Integrationsmaßnahmen beklagen. “Oft handelt es sich dabei um Projekte, die der Bund finanziert”, sagt die Forscherin. Mit dem Ende der Projekte würden manche Stellen abgebaut, die die Integrationsarbeit unterstützten. “Die Personen, die gehen, nehmen ihr Know-How mit”, erklärt sie. Mühsam aufgebaute Strukturen ließen sich so nur schwer festigen, ist im Forschungspapier zu lesen. Bendel und ihre Kollegen schlagen daher vor, Integration seitens des Bundes zur Pflichtaufgabe zu machen: “Dies würde den permanenten Rechtfertigungsdruck reduzieren und für Stabilität sorgen.”

 

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Hollstein: “Am Ende waren es die Anfeindungen wert”

Auch Bürgermeister Hollstein meint: “Es ist wichtig, in Integrationspolitik zu investieren, trotz einzelner Rückschläge.” Denn auch wenn viele Altenaer zufrieden mit dem Flüchtlingskonzept der Stadt sind, gibt es immer wieder Vorfälle, die das harmonische Bild der Integrationsgemeinde stören. So wurde Hollstein wegen seiner liberalen Asylpolitik Opfer eines Anschlags, ein Mann stach ihn 2017 in einer Döner-Bude nieder. Der Satz “Ich verdurste, und du holst 200 Flüchtlinge in die Stadt” soll bei der Attacke gefallen sein.

Und auch auf anderen Wegen schlagen Hollstein und seiner Stadtverwaltung immer wieder Wut und Enttäuschung entgegen. Der “Welt” erklärte der Bürgermeister 2017, er habe einen “Aktenordner mit Hassmails”, die Negativkommentare in den sozialen Netzwerken zähle er schon gar nicht mehr. Heute sagt Hollstein: “Am Ende waren es die Anfeindungen wert, wenn man sieht, was wir erreicht haben.”

Letztlich ist Altena ein Paradebeispiel für das, was Bendel und ihre Kollegen herausgefunden haben. Damit Integration in deutschen Kommunen funktioniert, braucht es einen positiven Umgang mit dem Thema Flüchtlinge und Schlüsselpersonen, die die Eingliederung vorantreiben. Hollstein vergleicht die Integrationspolitik mit einem Marathonlauf: Auch, wenn bereits vieles gelungen sei, müsse man weiter am Konzept arbeiten. Besonders die Corona-Krise bringe laut dem CDU-Politiker neue Herausforderungen mit sich.

Corona-Krise birgt Gefahren für die Integration von Flüchtlingen

Das bestätigt Forscherin Bendel, die auch Vorsitzende des Sachverständigenrats deutscher Stiftungen für Integration und Migration ist. “Schon jetzt haben viele in der Pandemie ihren Job verloren, die Arbeitslosenquote unter Migranten stieg um mehr als zwei Prozent”, warnt sie. Das führt sie zum einen darauf zurück, dass viele Zuwanderer in von der Virus-Krise besonders betroffenen Sektoren wie der Gastronomie oder der Hotellerie arbeiten. Zum anderen hätten einige Migranten lediglich Zeitverträge, die die jeweiligen Unternehmen in der Krise nicht verlängern würden.

In Altena ist laut Hollstein noch nicht absehbar, wie viele Migranten ihre Arbeit verloren haben. Viele würden im Helfer- und Handwerksbereich arbeiten, also anderen Sektoren als die, die Bendel nennt. Dennoch versuche man, Zuwanderer in der Pandemie so gut es gehe zu unterstützen. Hollstein erklärt: “Wir haben zum Beispiel Dolmetscher engagiert, die Erklärungen zum Thema Corona auf Arabisch oder in andere Sprachen übersetzen.” So scheint in Altena auch in der Virus-Krise zu gelten: “Wir schaffen das”.

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