Griechenland: Flüchtlingshelfer klagen – “Hilfsangebote sind Heuchelei”

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Neu ist die dramatische Lage von zehntausenden Flüchtlingen nicht, die sich seit Monaten auf den griechischen Inseln in der Ägäis in hoffnungslos überfüllten und illegalen, dreckigen Camps stauen.

Ebenso wenig neu ist, dass unter den unmenschlichen Umständen vor allem die Schwächsten der Flüchtlinge ganz besonders leiden: Kinder und Jugendliche, die unbegleitet von Erwachsenen reisen. Sie leben oft im Wald in armseligen Verschlägen. Spielen mit Müll, weil es nichts anderes gibt, haben keine Gelegenheit, sich zu waschen, verpassen wichtige Impfungen und bekommen nicht regelmäßig das zu essen, was sie als Minderjährige dringend bräuchten.

Durch die provokative Öffnung der türkischen Grenze zu Griechenland aber rückte neben dem allgemeinen Chaos um die Lage der Flüchtlinge auch die unsäglich Misere der Kinder und Jugendlichen wieder in den Blickpunkt der europäischen Öffentlichkeit. Am 4. März stimmte der Bundestag gegen die Aufnahme von 5000 besonders schutzbedürftigen Flüchtlingen.

 

Auch einen Monat nach Beschluss noch keins der 1600 Flüchtlingskinder in Griechenland gerettet

Die Ablehnung fiel in eine Zeit, als es täglich an der Grenze der Evros-Region zu kleinen Rauchbomben-Scharmützeln, Hunderten illegalen Grenzübertritten und fast ebenso vielen Pushbacks durch die griechischen Sicherheitsbehörden kam. Das schlechte Gewissen wuchs auch in den Reihen der Koalitionsparteien CDU, CSU und SPD.

Fünf Tage später entschied der Koalitionsausschuss dann, gemeinsam mit anderen EU-Ländern zumindest 1600 Kinder und Jugendliche aufzunehmen. Geholfen werden soll laut Koalitionsbeschluss Kindern, die schwer erkrankt oder unbegleitet und jünger als 14 Jahre seien.

Doch angekommen sind die Minderjährigen bislang weder in Deutschland, Frankreich oder den sechs weiteren Ländern, die sich bereiterklärten, die Minderjährigen in Sicherheit zu bringen. Lediglich Luxemburg gelang es bisher, wenigstens die Reise für 12 Kinder zu organisieren. Sie sollen in den kommenden Tagen aus der Ägäis eingeflogen werden.

Das deutsche Innenministerium kündigte am Dienstagabend zumindest an, in der kommenden Woche mit dem Transfer der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge zu beginnen. Es geht um 50 Kinder und Jugendliche.

 

Hilfsorganisation: “Hilfsangebot ist reine Heuchelei”

Die griechische Kinderhilfsorganisation Metadrasi hat Hunderte Helfer auf allen Ägäis-Inseln rund um die Uhr im Einsatz und kümmert sich auch an den Brennpunkten auf dem Festland um minderjährigen Flüchtlinge. Doch angesichts der großen Versprechen auf der einen Seite und der Tatenlosigkeit auf der anderen reagieren die Verantwortlichen enttäuscht und wütend.

„Wir freuen uns natürlich, dass wenigstens die Luxemburger ihr Wort gehalten haben und nun das erste Dutzend Kinder und Jugendliche aufnimmt“, sagt Metadrasi-Direktorin Lora Pappa. Doch dass etwa Deutschland und Frankreich so zögerlich seien, ärgere sie maßlos.

Metadrasi hilt dem Flüchtlingshilfswerk UNHCR dabei, alle nötigen Unterlagen und Daten für die Kinder und Jugendlichen zu sammeln, da sie im Gegensatz zum UNHCR dort die Basisarbeit erledigen und direkten Kontakt zu den betroffenen Flüchtlingskindern haben. „Das ist keine leichte Aufgabe, 15 Seiten an überprüfbaren persönlichen Daten zusammenzutragen. Ganz davon abgesehen einmal, dass inzwischen auch ein Covid-19-Test verlangt wird. Solche Forderungen stellen die Logistik von Helfern und Ärzten vor gigantische Probleme“, sagt Lora Pappa.

Das Hauptproblem, was Deutschland betreffe, sei aber ein ganz anderes. „Die Deutschen haben beschlossen, dass sie vor allem Mädchen im Alter bis 14 Jahren helfen wollen, die krank sind. Solche Mädchen gibt es nicht, glauben Sie mir. Das, was es gibt, sind ältere, vor allem viele Jungs, sowohl im Kindes- als auch Jugendalter. Wenn so die angebliche Hilfe aussehen soll, dann ist das deutsche Hilfsangebot reine Heuchelei“, schnaubt Pappa ins Telefon.

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“Programm nützt nur, wenn unabhängig von Herkunft geholfen wird”

Das ganze Hilfsprogramm sei nicht das Papier wert, auf dem es gedruckt ist, wenn die Bundesregierung die Auswahlkriterien nicht erleichtere. Das sei der „Hauptgrund“, warum bislang noch kein Flüchtlingskind aufgenommen worden sei. „Und selbst bei Kindern, die unter 14 sind, gibt es viele, die mit älteren, aber immer noch minderjährigen Flüchtlingen in den Camps ausharren und die nicht auseinandergerissen werden können.“

Auch die bevorzugte Suche nach syrischen Kindern, die aus einem klassischen Kriegsgebiet stammen, sei schwierig. „Die meisten haben Anträge auf Familienzusammenführung gestellt. Da die meisten aber älter als 14 sind, fallen sie aus diesem Programm der Hilfe für 1600 minderjährige Flüchtlinge einfach raus.“

Die übergroße Zahl minderjähriger Flüchtlinge und Migranten komme ohnehin nicht aus Syrien, sondern aus Ländern wie Afghanistan und anderen. „Wenn die EU diesen Minderjährigen wirklich helfen will, müssen sie dies vor allem ohne jede geographische Einschränkung tun. Das ist noch wichtiger als die Anhebung des Alters von 14 Jahren auf 16.“

UNHCR appellieren an Politik

Nach Angaben des UNHCR leben auf den griechischen Inseln derzeit rund 2000 unbegleitet reisende minderjährige Flüchtlinge und Migranten. „Sie sind ständig der Gefahr von Missbrauch, Menschenhandel und Gewalt ausgesetzt. Der Einsatz der EU, diesen Flüchtlingen zu helfen, ist deshalb entscheidend“, erklärte Griechenland UNHCR-Sprecherin Stella Nanou auf Anfrage von FOCUS Online.

Das gelte im Übrigen auch für die langfristigen positiven Effekte, die Minderjährige bei einer schnellen Integration zugute kämen, ergänzt Nanou.

Lora Peppa bekräftigt: „Wenn diese Kinder und Jugendlichen erst einmal auf die schiefe Bahn geraten, dann sinkt die Wahrscheinlichkeit deutlich, dass sie den Ausstieg aus diesem Teufelskreis finden. Das Problem sehen wir hier bei uns in Athen. Denn früher oder später kommen sie alle hierher.“ Und viele von ihnen schafften den Ausstieg aus Prostitutions- oder Dealerkreisen nicht mehr.

Und was die Lage der Corona-Epidemie beträfe, hätten die Flüchtlingscamps bisher zwar „Glück im Unglück“ gehabt, so Peppa. „Es scheint, als wenn die griechische Regierung bei den eindämmenden Maßnahmen wegen der Epidemie ihre Sache gut gemacht hat. Die Zahlen zumindest lassen das bislang vermuten.“

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Auch Einheimische leiden unter den überfüllten Camps

Doch was in den Flüchtlingslagern auf Lesbos, Chios und Samos passiere, wenn irgendwann das Virus auf dorthin überspringen solle, dann wage sie es nicht, sich auszumalen, was passieren könne.

Die Einheimischen seien zwar lange Zeit „sehr hilfsbereit“ gewesen und seien es auch noch immer, sagt Pappa. Doch inzwischen litten auch sie unter den Auswirkungen der überfüllten Camps. Allein in Samos lebten inzwischen mit 6500 Flüchtlingen und Migranten inzwischen 500 mehr als im Ort Samos. „Die ersten, die bei einem Corona-Ausbruch in den Lagern darunter zu leiden hätten, wären auf jeden Fall wieder die Kinder und Jugendlichen.“

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