Gütersloh: Wütende Eltern gehen auf Fleisch-Boss los – “Tönnies ist Schuld”

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Carolin Lewecke (38) aus Gütersloh kämpft mit den Tränen, als sie erzählt, wie es ihr geht. Die Mutter eines zweijährigen Sohnes und einer fünfjährigen Tochter erfuhr gestern Nachmittag, dass alle Kitas und Schulen im Kreis Gütersloh wieder geschlossen werden. Und das nur, weil in der Fleischfirma Tönnies 657 Mitarbeiter positiv auf Corona getestet wurden.

Der Kreis Gütersloh, in dem 360.000 Menschen leben, hat damit die kritische Marke von 50 Neuinfizierten pro 100.000 Einwohner deutlich überschritten. Die Politik muss damit handeln. Und Landrat Sven-Georg Adenauer entschied sich für eine Schließung der Bildungseinrichtungen. Für die Grafik-Designerin Carolin Lewecke bedeutet das: „Ich habe jetzt wieder die ganze Zeit die Kinder am Rockzipfel und kann nicht in Ruhe arbeiten. Und kein Ende in Sicht.“

Drei Monate habe die ganze Familie durchgehalten. „Wir waren alle so froh, dass wir es überstanden hatten und das normale Leben wieder begann.“ Carolin Lewecke lässt sich mit ihrem selbstgemachten Pappschild fotografieren, auf dem sie in großen Lettern geschrieben hat: „Wir brauchen Bildung, kein Billigfleisch.“ Während sie das Schild bei der Demo aufgebrachter Eltern rund 500 Meter vor dem privaten Anwesen des Fleischproduzenten Clemens Tönnies in die Luft hält, kocht sie vor Wut: „Respektlos“ findet sie die Entscheidung des Landrates.

„Wir brauchen Bildung, kein Billigfleisch“

„Respektlos“, das Wort wiederholt sie, „gegenüber denen, die keine Lobby haben. Auf der anderen Seite ist hier Lobbyarbeit vom Feinsten betrieben worden.“ Sie meint die Firma Tönnies. „Das ist ein Unding“, schimpft sie. „Wie kann es sein, dass die Verhältnisse bei Tönnies allen lange bekannt sind, er selbst testen darf und jetzt, wo es explodiert, zuerst alle Kitas geschlossen wurden? Wie kann das die erste Reaktion sein?“  Die gleiche Demonstration müsste daher „vor dem Kreishaus laufen“, in dem Landrat Adenauer sitzt.

Die anderen 20 Eltern bei der Demonstration am Donnerstagmorgen am Moorweg 91 in Rheda sehen es ähnlich. Während ihre kleinen Kinder im Regen mit Malkreide Sonnen und Regenbogen auf die schmale Alleestraße malen, geben sie Interviews. Marcello Rudolph, 35, schiebt den Kinderwagen, während seine Frau das 16 Tage alten Neugeborene auf dem Arm trägt und die vier und ein Jahre alten Geschwister um neben den Eltern stehen. Marcello Rudolph kritisiert die Fleischfirma scharf: „Tönnies ist in der Verantwortung. Alle Mitarbeiter hätten getestet werden müssen, als sie vom Heimaturlaub zurückkamen. Wir als Eltern müssen das jetzt wieder ausbaden und schauen, wie wir klarkommen.“

Lesen Sie hier mehr zum Thema: Corona-Gau bei Tönnies: Hunderte Infizierte – Fall hat Folgen für deutschen Fleischmarkt

 „Es war möglicherweise ein Fehler, nicht alle zu testen“

Zur Erläuterung: Gereon Schulze Althoff, Leiter des Tönnies-Pandemie-Stabes, hatte gestern in einer Pressekonferenz im Kreishaus Gütersloh gesagt, dass lediglich bei denjenigen Mitarbeitern Abstriche gemacht wurden, die länger als 96 Stunden im Ausland waren. Wer kürzer weg war, konnte ohne Überprüfung wieder an seinen Arbeitsplatz gehen. Der Fleischkonzern war nach der Aufhebung der Reisebeschränkung am 15. Mai zu keinen Tests verpflichtet.

Doch Schulze Althoff, der als Europäischer Spezialist für Lebensmittelsicherheit gilt, räumt dennoch ein: „Es war möglicherweise ein Fehler, nicht alle zu testen.“ Thomas Kuhlbusch, Chef des Krisenstabs, sagte dazu gegenüber FOCUS Online: „Ich hätte mir gewünscht, dass das Einreisegesetz über den 15. Mai hinaus gegolten hätte. Ich hätte mir auch gewünscht, dass die Firma Tönnies von allen Mitarbeitern Abstriche gemacht hätte, die aus ihrem Urlaub zurückkamen.“

Der Fehler kann den Menschen im Kreis Gütersloh und möglicherweise auch der Firma Tönnies, die nach eigenen Angaben 20 Prozent des Fleischbedarfs in Deutschland abdeckt und einer der größten Fleischproduzenten Europas ist, teuer zu stehen kommen. FOCUS Online traf einen Lebensmittel-Unternehmer aus Rheda. Allein im April verlor er 40.000 Euro und er fürchtet jetzt weitere Einbußen. Er ist sauer und enttäuscht: „Wir waren wieder auf dem Weg zur Normalität.”

Der Unternehmer, der seinen Namen nicht preisgeben will, zieht ein klares Fazit: „Das Unternehmen Tönnies hat sicher etwas getan, aber es war nicht genug.“ Das gleiche gelte für die Politik: Nach dem Corona-Ausbruch bei Westfleisch in Coesfeld Anfang Mai hatten Politiker vieler Parteien angekündigt, dass sich etwas ändern müssen. „Geschehen ist nichts“, so der Unternehmer.

“Moderner Sklavenhandel in der fleischverarbeitenden Industrie”

NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) regte sich über diese angebliche Untätigkeit der Regierung in Berlin heute Morgen im WDR massiv auf: „Ich bin sauer, dass das Kabinett nach Coesfeld eine Gesetzesänderung angekündigt und dies nun bis nach der Sommerpause verschoben wurde“. Laumann kritisierte das System der Werkverträge in den fleischverarbeitenden Betrieben: Hier sei eine Systematik entstanden, die nicht in Ordnung sei. Laumann wörtlich: „Die Besitzer der Betriebe sind nicht mehr verantwortlich für die Mitarbeiter, die Werkverträge haben.“

Nach unbestätigten Meldungen sollen allein bei Tönnies über 4.000 von insgesamt 6.400 Mitarbeitern solche Werkverträge haben. Für die Mitarbeiter, die oft aus südosteuropäischen Ländern wie Bulgarien oder Rumänien kommen und bei Subunternehmern angestellt sind, bedeutet dies laut dem Oldenburger Pfarrer Peter Kossen unter anderem: Keine Lohnfortzahlung, unsichere Krankenversicherung, keine geregelte Arbeitszeit, Missachtung der Arbeitsschutzregeln.

Peter Kossen, der heute zusammen mit Mitautoren in Rheda-Wedenbrück das Buch „Das Schweinesystem“ vorstellt, spricht von modernem Sklavenhandel in der fleischverarbeitenden Industrie an und prangert vor allem die „skandalösen Wohnverhältnisse“ an. Karl-Josef Laumann fordert: „Der, der einen Schlachthof besitzt, muss Verantwortung für seine Mitarbeiter übernehmen.“ Ohne den Namen  Tönnies zu nennen, war klar, wer gemeint war.

Lesen Sie Alles zur Corona-Krise im News-Ticker von FOCUS Online

Ärger über Laschet-Aussage zur Herkunft des Virus

Für Irriation sorgte NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU). Am Rande eines Treffens in Berlin hatte er auf eine Frage nach der Rolle der bisherigen Lockerungen für das Infektionsgeschehen bei “Tönnies” die aus seiner Sicht Verantwortlichen ausgemacht: “Das sagt darüber überhaupt nichts aus”, sagte Laschet zu den Lockerungen. “Weil Rumänen und Bulgaren da eingereist sind und da der Virus herkommt. Das wird überall passieren. (…) Das hat nichts mit Lockerungen zu tun, sondern mit der Unterbringung von Menschen in Unterkünften und Arbeitsbedingungen in Betrieben.”

Die Aussage löste in Rheda-Wiedenbrück zusätzlichen Unmut aus: „Das ärgert mich sehr“, sagt Gabi Algerwissen (53). Die Mutter von vier Kindern findet es „unmöglich, dass die Menschen in dem Fleischbetrieb jetzt auch noch als Sündenböcke herhalten müssen. Sie sind der deutschen Sprache kaum mächtig, werden ausgebeutet, gehen krank zur Arbeit, weil sie Angst haben, ihren schlecht bezahlten Job zu verlieren und müssen sich jetzt auch noch beschimpfen lasen.“ Anke L. Kundin in einer Bäckerei, sieht in solchen Aussagen eine Gefahr: „So etwas kann auch Rechtsradikale auf den Plan rufen.“

Die Menschen in Rheda-Wiedenbrück haben genug von dem Schwarze-Peter-Spiel und vor allem vom Lockdown. „Meine Tochter hätte am Freitag ihre Abifeier gehabt, die ohnehin nur im kleinen Rahmen gelaufen wäre. Jetzt fällt sogar das noch aus“, sagt eine Bäckerei-Verkäuferin. „Es ist nur noch zum Kotzen.“ Der Tenor in Rheda: Die Leute haben genug. „Es geht langsam an die Psyche, sagt Anke L., die als cytologisch-technische Assistentin arbeitet. Sie habe mit ihrer fünfköpfigen Familie Urlaub in Deutschland gebucht. „Darf ich überhaupt noch kommen, wenn ich aus Rheda-Wiedenbrück komme?“

“Alles nur, weil die Leute ihr Kilo Gehacktes für einen Euro haben wollen”

Am Wochenende hätte der Tennisclub Cor Rheda nach langer Zeit wieder ein Turnier bestreiten sollen. Der Gegner Kirchhellen hat abgesagt, sagt eine Tennisspielerin aus dem Verein. Der Sohn von Bettina Gajewski (56) hatte sich auf sein Rugby-Training gefreut. Abgesagt bis auf Weiteres. „Das alles nur, weil die Leute ihr Kilo Gehacktes für einen Euro haben wollen und es ihnen egal ist, dass Billigfleisch auf dem Rücken der Werkvertragsarbeiter produziert wird“, sagt Anke L.

Was viele Menschen besonders aufregt: Dass die Kitas und Schulen im gesamten Kreis Gütersloh betroffen sind. „Obwohl die meisten Schulen und Kitas im Kreis Gütersloh doch gar keine Kinder der Werkvertragsarbeiter haben, sagt Marcello Rudolph, der aus Langenberg kommt, bei der Demonstration vor dem Hause Tönnies. Seine Tochter Naila (4) bringt die Situation 48.000-Einwohner Rheda-Wiedenbrück auf den Punkt: Ihre Freunde im Kindergarten heißen Sam, Paul und Peter. Die darf sie jetzt erstmal nicht wiedersehen. „Blöd“ findet sie das und: „Der Tönnies ist schuld.“

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