Hustende Urlauber reisen ohne Quarantäne ein: Weiß die Regierung, was sie tut?

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Die FOCUS-Kolumne von Jan Fleischhauer: Hustende Urlauber reisen ohne Quarantäne ein: Weiß die Regierung, was sie tut?

Wissen sie, was sie tun? Die Regierung macht die Grenze zu Frankreich dicht, aber aus dem Iran konnte man weiter ungehindert einreisen. Lauter hustende Ägypten-Urlauber im Heimatflieger, doch bei der Ankunft verzichtet man auf jede Gesundheitskontrolle.

Ich kann genau sagen, wann mein Vertrauen in die Regierung einen schweren Dämpfer erhalten hat. Es war am Montagmorgen, kurz vor zehn Uhr, als Iran Air 721 Kurs auf Frankfurt nahm. Eine Bekannte, die ARD-Journalistin Natalie Amiri, hatte einen Screenshot des Fluges gepostet, man konnte über FlightStats die Route in Echtzeit verfolgen. IR 721 war um 7.40 Uhr auf dem Imam Khomeini Airport in Teheran gestartet. Um 10.06 Uhr landete der Airbus in Deutschland, 14 Minuten früher als vorgesehen.

Iran ist ein Hotspot der Corona-Krise. Niemand weiß genau, wie viele Menschen dort infiziert sind, weil die Regierung den Ausbruch lange heruntergespielt hat. Den offiziellen Zahlen zufolge, die Natalie Amiri am Montag nannte, zeigten von 7,5 Millionen Iranern, die binnen drei Tagen getestet wurden, 175.000 Symptome, 2200 wurden zum Arzt geschickt, 1077 gleich ins Krankenhaus.

Weder Temperaturmessung noch Quarantäne

Das war also der Stand Anfang der Woche: Die Bundesregierung verfügt Grenzkontrollen zu allen Nachbarländern. An den Grenzen zu Frankreich, Österreich, der Schweiz beziehen Bundespolizisten Posten, um jeden Wagen anzuhalten und gegebenenfalls zurückzuweisen. Der europäische Grenzverkehr kommt praktisch zum Erliegen. Aber aus einem der am höchsten durchseuchten Länder der Welt können Menschen ohne jeden Gesundheits-Check einreisen.

Es gab weder eine Temperaturmessung bei der Passvorlage, noch nahm man die Reisenden in Quarantäne, wie es medizinisch geboten gewesen wäre. Erst am Dienstag, nach heftigem Protest, fiel dann die Entscheidung, die EU-Außengrenze zu schließen.

Das ist wiederum eine sehr viel drastischere Maßnahme als die Verordnung einer vierzehntägigen Quarantäne für alle, die nach Deutschland einreisen wollen. Niemand kann erklären, warum man binnen 48 Stunden von einem Extrem ins andere fällt. Aber es hat auch niemand gefragt.

„Flatten the curve“ hat es zu einer Art politischem Heilsversprechen gebracht

Wissen sie in der Regierung, was sie tun? Das wäre meine Frage. Es gehe nicht darum, den Ausbruch zu verhindern, dazu sei es längst zu spät, lautet das Mantra. Es gehe darum, den Infektionsanstieg zu verzögern.

Jeder kennt inzwischen das Schaubild, das zwei Kurven zeigt: eine Kurve, die steil nach oben ragt und dann ebenso schnell wieder abfällt – und eine lang gestreckte, die eher einem sanften Hügel als einem Berg gleicht.

Im unteren Drittel des Schaubildes verläuft horizontal ein Strich, der die Zahl der Intensivbetten in Deutschland symbolisiert. Beruhigenderweise bleibt die Kurve der Ansteckungen im Fall des Hügelverlaufs exakt unterhalb dieser Linie. „Flatten the curve“, lautet die Botschaft, die es zu einer Art politischem Heilsversprechen gebracht hat: Wenn es uns gelingt, die Infektionsrate zu verlangsamen, gibt es für jeden, der es braucht, ein Bett.

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Gesundheitssystem könnte an seine Grenzen geraten

Ich bin ein skeptischer Mensch. Ich habe angefangen zu rechnen. Wenn es stimmt, was die Bundeskanzlerin sagt, dann werden sich 60 Prozent der Deutschen mit dem Virus anstecken. Das wären 50 Millionen Bundesbürger. Selbst wenn es uns gelänge, die Übertragung auf zwei Jahre zu strecken, würde das immer noch zwei Millionen Infizierte pro Monat bedeuten.

Bei 80 Prozent der Infizierten verläuft die Corona-Grippe harmlos, das ist die gute Nachricht. Aber fünf Prozent benötigen intensivmedizinische Betreuung. Fünf Prozent von zwei Millionen macht 100.000 Intensivpatienten, also das Vierfache dessen, was unser Gesundheitssystem bewältigen kann. Wahrscheinlich habe ich irgendwo einen Rechenfehler gemacht. Trotzdem hat mich das Zahlenexperiment beunruhigt.

Die gute Nachricht ist, man kann das Virus in den Griff bekommen, daran hat auch Wirtschaftsminister Peter Altmaier gerade erinnert. In Singapur, Hongkong, Taiwan und auch Südkorea sind die Fallzahlen heruntergegangen. Was Altmaier nicht sagt, ist, dass sie in all diesen Ländern sehr viel mehr getan haben, als an die Menschen zu appellieren, sich von anderen fernzuhalten.

In Südkorea überwachen sie die Bewegungen infizierter Personen per App

Wie sieht eine erfolgreiche Anti-Corona-Strategie aus? Es fängt damit an, dass man seine Bevölkerung wieder und wieder testet, um diejenigen zu identifizieren, die das Virus in sich tragen. Dann muss man sie isolieren, und zwar konsequent.

In Südkorea überwachen sie die Bewegungen infizierter Personen per App. Wer sich angesteckt hat, ist über GPS als Corona-Träger sichtbar, damit alle, die gesund sind, Abstand halten können. Ich höre schon die Datenschützer rufen, das gehe nicht, weil das einen unzulässigen Eingriff in die Privatsphäre darstelle. Nun ja, würde ich sagen, das Infektionsschutzgesetz lässt auch ansonsten massive Einschränkungen zu.

Wenn ich die Wahl habe zwischen der Isolierung Einzelner und einem dauernden Hausarrest für alle, dann bin ich für die strikte Isolierung. Ich habe mich oft über die asiatischen Touristen mokiert, die mit einer OP-Maske vor dem Gesicht Münchner Sehenswürdigkeiten in Augenschein nahmen.

Das war bis vor vier Wochen bei einem Deutschland-Besuch sicher übertrieben, aber man konnte daran sehen, dass es in asiatischen Ländern aufgrund der Erfahrung mit tödlichen Grippen eine deutlich ausgeprägtere Ansteckungsangst gibt. Deshalb wussten sie dort auch sofort, was auf sie zukommen würde, als die ersten Nachrichten aus der chinesischen Stadt Wuhan eintrafen.

Schon ein Tuch vor dem Gesicht Leben retten

Eine Atemmaske ist ein relativ einfaches Produkt. Ein bisschen Zellstoff, dazu ein Band, mit dem man das Ganze am Kopf befestigen kann – nichts, was eine Industrienation überfordern sollte. Dennoch scheint die Politik auch im dritten Monat seit Ausbruch der Corona-Epidemie nur mit großer Mühe im Stande, die Ausrüstung des medizinischen Personals mit Masken sicherzustellen, von der Versorgung normaler Bürger gar nicht zu reden.

Auf allen Kanälen ist jetzt zu hören, dass ein Mundschutz nicht vor Ansteckung schütze. Das mag sein, aber er hilft, die Zahl der Neuansteckungen zu reduzieren. Wenn sich das Virus vor allem über Sprechatem und Husten überträgt, wie die Virologen nicht müde werden zu betonen, dann kann schon ein Tuch vor dem Gesicht Leben retten.

Der China-Korrespondent Georg Fahrion beschrieb anlässlich seines Heimatbesuchs die Verwunderung über die Nachlässigkeit der Deutschen. Natürlich trug er eine Maske, als er das Flughafengebäude verließ und ins Taxi stieg. Niemand würde in Peking auf die Idee kommen, sich mit nacktem Gesicht an einen Ort zu begeben, wo viele Leute aufeinandertreffen. Man würde auch gar nicht weit kommen.

 

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„Null Kontrolle bei Abflug und Ankunft“

Vielleicht sollten wir anfangen, von den Asiaten zu lernen. Am Dienstag setzte der „Bild“-Redakteur Michael Sauerbier auf Twitter folgenden Eintrag ab: „Aus Ägypten in Berlin-Schönefeld gelandet. 200 Urlauber ohne Mundschutz und Handschuhe, viele husteten. Sie waren ein bis zwei Wochen mit Italienern, Franzosen, Engländern, Niederländern, Polen, Russen in All-inclusive-Hotels, wo alle am Büfett dieselben Löffel anfassen, 300 zeitgleich im Restaurant. Null Kontrolle bei Abflug und Ankunft, laufen jetzt durch Berlin.“

Man ist in der Politik bereit, den Einzelhandel zu zerstören, indem man Geschäften für Wochen die Existenzgrundlage entzieht. „Fair enough“, wie der Brite sagen würde. Harte Zeiten erfordern manchmal harte Maßnahmen. Aber gleichzeitig sind die Verantwortlichen nicht willens, hustende Urlauber für 14 Tage in Quarantäne zu nehmen, weil das die Laune der Urlauber beeinträchtigen würde? Das verstehe, wer will. Ich verstehe es nicht.

Über den Autor

Die Leser lieben oder hassen ihn, gleichgültig ist Jan Fleischhauer den wenigsten. Man muss sich nur die Kommentare zu seinen Kolumnen ansehen, um einen Eindruck zu bekommen, wie sehr das, was er schreibt, Menschen bewegt. 30 Jahre war er beim SPIEGEL, Anfang August wechselte er als Kolumnist zum FOCUS.

Fleischhauer selbst sieht seine Aufgabe darin, einer Weltsicht Stimme zu verleihen, von der er meint, dass sie in den deutschen Medien unterrepräsentiert ist. Also im Zweifel gegen Herdentrieb, Gemeinplätze und Denkschablonen. Vergnüglich sind seine Texte allemal – vielleicht ist es dieser Umstand, der seine Gegner am meisten provoziert.

Sie können unserem Autor schreiben: Per Mail an j.fleischhauer@focus-magazin.de oder auf Twitter @janfleischhauer.




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