Infektiologe fordert: „Bars schließen, um Schulen zu ermöglichen“

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FOCUS Online: Herr Hübner, In vielen Bundesländern sind die Sommerferien vorbei und der Präsenzunterricht hat wieder begonnen. Wie gut werden die Hygienekonzepte bislang umgesetzt?

Johannes Hübner: Nach kleinen anfänglichen Holprigkeiten hat sich das in den Bundesländern, die schon wieder Schulunterricht haben, inzwischen glaube ich ganz gut eingespielt. Wichtig ist aus unserer Sicht, dass bei einzelnen positiven Fällen, mit denen wir natürlich immer rechnen müssen, nicht gleich die ganze Schule geschlossen wird, sondern nur die Gruppe oder Klasse getestet wird oder in Quarantäne geht, in der der Fall aufgetreten ist.  Die genauen Empfehlungen sind natürlich Ländersache, aber auch da setzt sich glaube ich inzwischen ein gewisser Standard durch.

Manche Lehrer und Eltern stehen den Schulöffnungen sehr skeptisch gegenüber. Was denken Sie?

Hübner: Die Schulöffnungen sind ohne Alternative – wir müssen das tun, wenn wir nicht eine ganze Generation von Kindern gefährden wollen. Die Lehrer reagieren auf die Schulöffnungen häufig mit großer Sorge – meiner Ansicht nach aber unbegründet. Es gibt keinerlei Hinweise – weder aus Deutschland, noch aus anderen Ländern – dass Lehrer durch die Kinder ein erhöhtes Risiko haben.

„Die größte Gefahr in der Schule ist nicht der Unterricht, sondern das Lehrerzimmer.“

Wichtig finde ich allerdings, was am Freitag auch nochmals durch den Bundesverband der Kinderärzte betont wurde, dass die Lehrer in der Schule Masken tragen. Das tun wir Kinderärzte in der Klinik übrigens auch. Die Maske ist nicht nur ein Schutz für die anderen, sondern auch ein Selbstschutz. Und die größte Gefahr in der Schule ist nicht der Unterricht, sondern das Lehrerzimmer.

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Was halten Sie von einer generellen Maskenpflicht für Schüler?

Hübner: In der momentanen Situation halte ich eine Maskenpflicht für alle Schüler für nicht sinnvoll. Das hängt aber einerseits von der aktuellen Häufigkeit der Infektionen ab – das sieht man zum Beispiel in den USA: wenn viele Menschen in einer Stadt oder in einem Landkreis infiziert sind, dann wird das Virus auch in die Schule getragen.

„Maskenpflicht hängt ganz stark vom Alter der Kinder ab.“

Andererseits hängt die Maskenpflicht auch ganz stark vom Alter der Kinder ab. Kinder unter 10 Jahren sind einfach weniger gefährdet und bisher auch weniger häufig erkrankt. Ich bin aber auch der Meinung, dass eine generelle Maskenpflicht – also auch von Kindern im Unterricht – besser ist, als eine ganze Schule zu schließen. Es kann sicherlich Situationen geben, wo eine Übertragung innerhalb einer Schule nicht eingegrenzt werden kann; da kann als Ultima ratio auch mal eine Maskenpflicht im Unterricht verhängt werden. Für solche Entscheidung sollte aber immer das örtliche Gesundheitsamt zuständig sein.

Manche Eltern befürchten gesundheitliche Nachteile für die Kinder durch das Maskentragen. Ist diese Sorge gerechtfertigt?

Hübner: Damit haben wir viel Erfahrung, z.B. bei Kindern mit Immundefekten oder Kindern nach Krebstherapien. Die vertragen das durchaus und sind häufig viel disziplinierter, als die Erwachsenen. Eine Gesundheitsschädigung durch Maskentragen kann man ausschließen.

Wenn Schüler keine Maske tragen, was kann stattdessen getan werden, um sie und auch die Lehrer vor einer Ansteckung zu schützen?

Hübner: Wir haben in unserer Stellungnahme eine ganze Reihe von Maßnahmen aufgeführt. Zusätzlich zu AHA sind das ein versetzter Schulbeginn, Aussetzung von Gruppenarbeiten und von Schulsport etc. Bei allen diesen Maßnahmen haben wir aber abgewogen, wie einschneidend sie sind und uns für gestaffeltes Vorgehen entschieden, dass diese Maßnahmen an die aktuelle lokale Infektions-Situation anpasst.

„Die Allgemeinheit kann durch konsequentes Umsetzen und Verzicht einen normalen Schulbetrieb ermöglichen.“

Wir sind der Meinung, dass in der gegenwärtigen Lage mit immer noch niedrigen Infektionszahlen der Unterricht weitgehend normal verlaufen kann. Je mehr Infektionen in der Umgebung, desto mehr Maßnahmen sind notwendig. Anders ausgedrückt: die Allgemeinheit kann durch konsequentes Umsetzen und Verzicht einen normalen Schulbetrieb ermöglichen. Die Schotten haben uns das vorgemacht, wo Pubs geschlossen wurden, um Schulöffnungen zu ermöglichen. Daran sollten wir uns ein Beispiel nehmen.

Besonders Grundschulkinder tun sich schwer mit dem Tragen einer Maske. Worin besteht genau das Problem und wie kann man es lösen?

Hübner: Für den Schulalltag halten wir das Maskentragen in den unteren Klassenstufen für kaum praktizierbar und haben das deshalb auch nicht empfohlen. Alle Kinder sollen beim Betreten des Schulgebäudes eine Maske aufsetzen, dürfen diese aber dann am Platz im Klassenzimmer ablegen. Prinzipiell glaube ich aber, dass wir da kein größeres Problem haben, als bei vielen Erwachsenen. Jeder, der in den letzten Monaten zum Beispiel im öffentlichen Nahverkehr unterwegs war, weiß, dass das nicht nur ein Problem von Grundschulkindern ist.

Manche Ihrer Kollegen sagen „Lehrer werden zu Superspreadern“.  Viele Lehrer beklagen jedoch, dass ein sinnvoller Unterricht mit Maske nicht möglich ist, weil ihre Mimik dann nicht mehr erkennbar sei. Warum sollen sie dennoch im Unterricht eine Maske tragen?

Hübner: Die Erfahrungen bisher zeigen, dass eher Lehrer bzw. andere Erwachsene für Ausbrüche an Schulen verantwortlich sind, als Schüler. Deshalb ist die Forderung des Maskentragens bei Lehrern sinnvoll. Das beeinträchtigt sicherlich den Unterricht, aber ich glaube, dass es trotzdem notwendig ist. Das mit der Mimik ist sicherlich ein Problem, vor allem in Förderschulen und im Umgang mit Behinderten. Für diese Dinge gibt es glaube ich keine Patentlösungen, damit müssen wir wahrscheinlich leben und uns anpassen.

Die Temperaturen fallen langsam und im Herbst erwarten wir eine erste Grippewelle. Rechnen Sie mit einem steilen Anstieg des Infektionsgeschehens?

Hübner: Bei Kindern werden wir – wie jedes Jahr – eine Häufung von Atemwegsinfektionen sehen. Wahrscheinlich werden das vor allem die altbekannten Viren sein, mit denen wir jedes Jahr zu tun haben. Die lassen sich aber vom klinischen Bild nicht von COVID-19 unterscheiden. Insofern werden wir viel Verunsicherung haben und Eltern müssen im Zweifelsfall den Kinderarzt anrufen und der entscheidet, welche Diagnostik bzw. welches weitere Vorgehen sinnvoll ist.

„Nicht bei jedem Schnupfen ohne Fieber und sonstige Symptome zum Kinderarzt.“

Aber bitte nicht bei jedem Schnupfen ohne Fieber und sonstige Symptome zum Kinderarzt gehen: das würde die Kollegen und das ganzen System glaube ich überfordern. Vor allem in diesem Jahr wäre es eine gute Idee, Kinder gegen Influenza zu impfen – damit hat man dann einen möglichen und relativ häufigen Erreger von Atemwegsinfektionen schon mal ausgeschlossen.

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