Job: Chefs zwingen ihre Mitarbeiter ins Büro: „Ich habe wirklich Angst“

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Als Jens Stadler die Nachricht seines Chefs liest, zerschlagen sich seine Hoffnungen endgültig. Wegen der Corona-Krise werden Konferenzen ausfallen, Termine werden verschoben, heißt es in der Nachricht. Außerdem werde die Arbeit im Büro auf zwei Schichten umgestellt, eine früh, eine spät. Achja, und Urlaubswünsche, falls die jemand für die nächste Zeit haben sollte, würden auch gerne entgegengenommen.

Das Wort „Homeoffice“, auf das Stadler so gehofft hatte, kommt in der Nachricht nur einmal vor. Nämlich an der Stelle, wo es heißt, dass es kein Homeoffice geben wird. „Wir dürfen nun auch nicht mehr danach fragen“, erzählt Stadler. „Schließlich hätte man schon oft gesagt, dass es keines geben wird.“

Angst bei der Arbeit

Stadler arbeitet in einem sogenannten „Fachzentrum“ der großen Krankenkasse Die Techniker. Die „Fachzentren“ sind über das gesamte Bundesgebiet verteilt, jedes Zentrum kümmert sich um ein eigenes Thema. Es gibt zum Beispiel Fachzentren für Orthopädietechnik, Fachzentren für Reha-Maßnahmen oder Fachzentren, die einfach mit der Abrechnung von Mitgliederbeiträgen befasst sind. Im Großen und Ganzen handelt es sich fast immer um: Büro-Arbeit am Computer. Ins Homeoffice darf Stadler trotzdem nicht.

Stadler heißt eigentlich anders, sein wahrer Name und sein Arbeitsort sind FOCUS Online bekannt. In der Corona-Krise ist er jedoch Teil einer Gruppe geworden, die bislang wenig Beachtung gefunden hat: Angestellte, die in der aktuellen Viren-Pandemie von zuhause aus arbeiten könnten, aber vom Arbeitgeber gezwungen werden, ins Büro zu kommen – der Ansteckungsgefahr zum Trotz. „Ich habe wirklich Angst“, sagt Stadler.

Keinen Plan für die „Corono-Krise“

FOCUS Online hat in den letzten Tagen mit Angestellten aus vielen Branchen und allen Unternehmensgrößen gesprochen, denen es ähnlich geht. Da sind zum Beispiel die Vertriebsmitarbeiter, die keine Kundentermine mehr haben, aber dennoch ins Büro kommen müssen, weil es nun mal so im Arbeitsvertrag stehe. Oder das Medizintechnik-Unternehmen in Süddeutschland, das erst nach einem gemeinschaftlichen Protest der Angestellten die Möglichkeit von Homeoffice gestattete. Mehrere Mitarbeiter gaben an, ihre Vorgesetzten hätten ihnen ins Gesicht gesagt, dass Angestellte im Homeoffice nur auf der faulen Haut liegen würden.

Fast allen betroffenen Unternehmen ist gemein, dass die Geschäftsführung es versäumte, einen organisatorischen Plan für die Zeit der Viren-Pandemie auszuarbeiten. Etwa das Münchner Unternehmen aus der Finanzbranche, das es verpasste, spezielle Laptops für alle Mitarbeiter zu besorgen – und dann beim Lieferanten keine mehr bekam. In vielen Firmen wurden erste Informationen zu den Veränderungen im Arbeitsablauf erst Mitte März an die Mitarbeiter kommuniziert, als Bayern und Berlin bereits drastische Einschränkungen des öffentlichen Lebens erlassen hatten. In einer internen E-Mail aus einem Brandenburger Unternehmen für Hygiene-Bedarf, die FOCUS Online vorliegt, sprechen die Geschäftsführer von der „Corono-Krise“.

Plötzlich tatscht der Chef das Essen an

In manchen Firmen wiederum nahmen die Vorgesetzten die Pandemie einfach nicht ernst. Zwei Angestellte aus verschiedenen Branchen gaben gegenüber FOCUS Online an, ihre Chefs hätten sich einen Spaß daraus gemacht, das Essen und die persönlichen Gegenstände von Mitarbeitern anzufassen. „Ich habe dann demonstrativ meinen Apfel in den Papierkorb geworfen“, erzählt ein betroffener Mitarbeiter. In der süddeutschen Firma für Medizintechnik sei die Maßgabe gewesen, dass man jetzt endlich der chinesischen Konkurrenz davonziehen könne, sagen Angestellte.

Die alternativen Lösungen, die Mitarbeitern anstelle der Heimarbeit geboten werden, schaffen oft neue Probleme. Etwa im Fall von Jens Stadler: Die jetzt eingeführten „Schichten“ an seinem Standort der Techniker Krankenkasse sind kürzer als reguläre Arbeitstage, die fehlenden Stunden werden dann einfach vom Arbeitszeitkonto abgezogen – jeden Tag. In nur wenigen Wochen bauen sich die Angestellten dadurch ein beachtliches Minusstunden-Konto auf. „So viele Stunden kann ich niemals aufholen“, sagt Stadler.

Abstand nehmen vom Mindestabstand

In den engen Büros sei es außerdem kaum möglich, den gebotenen Mindestabstand von 1,5 Metern einzuhalten. Das räumen sogar die Chefs in einer Nachricht ein, die FOCUS Online vorliegt.

„Der beschriebene Fall entspricht nicht der empfohlenen allgemeinen Vorgehensweise“, sagt eine Sprecherin der Techniker-Krankenkasse zu FOCUS Online. Zwar sei flächendeckendes Homeoffice aus technischen und datenschutzrechtlichen Gründen aktuell nicht möglich. Doch bei Angestellten, die nicht mit sensiblen Daten zu tun haben und bei denen die technischen Voraussetzungen gegeben sind, sei Homeoffice „angesichts der aktuellen Ausnahmesituation“ ausdrücklich gestattet.

„Der Dank ist was? Vielleicht eine Infektion?“

Manchmal liegt das Problem gar nicht beim Unternehmen selbst, sondern bei einzelnen Personen innerhalb der Befehlskette. Etwa beim Einzelhandelsunternehmen Real: In der Düsseldorfer Verwaltung der Supermarktkette sind die Bereichsleiter ausdrücklich angewiesen, ihre Mitarbeiter nach Hause zu schicken. „Bitte stellen Sie sicher, dass ein möglichst großer Teil der Mitarbeiter ab morgen zu Hause arbeitet“, heißt es in einer E-Mail der Personalabteilung an alle Bereichsleiter vom 16. März, die FOCUS Online vorliegt. „Grundsätzlich sollen nur diejenigen am Campus arbeiten, wenn dies unbedingt erforderlich ist.“

Wie dieses „unbedingt erforderlich“ zu definieren ist, bleibt aber den Bereichsleitern überlassen. Dienstpläne, die FOCUS Online ebenfalls vorliegen, zeigen, dass die Mitarbeiter in mindestens einer Abteilung weiterhin ins Büro kommen müssen. „Wir könnten alles von daheim aus erledigen, haben dennoch abwechselnd die Pflicht, im Büro zu sein“, sagt eine betroffene Angestellte zu FOCUS Online. „Und das nur, weil unsere Bereichsleitung Angst hat, dass wir nicht ordentlich arbeiten.“

Dabei sei das Unsinn, ärgert sich die Mitarbeiterin: „Wir arbeiten sehr wohl, und das gewissenhaft, teilweise sogar noch mehr, als wir es im Büro täten. Der Dank ist – ja, was? Vielleicht noch eine Infektion, weil man ins Büro musste, obwohl man alles auch daheim hätte machen können?“

Kein Mitarbeiter, der seine Tätigkeit auch von zuhause aus erledigen könne, werde gezwungen, in der Zentrale zu erscheinen, heißt es in einer Stellungnahme von Real gegenüber FOCUS Online. „Sollte es hier zu Unklarheiten kommen, sehen wir den zuständigen Betriebsrat sowie selbstverständlich auch den Personalbereich zur Klärung als die geeigneten Ansprechpartner.“ Überdies liege in allen Bereichen der Zentrale „die Home-Office-Quote deutlich über 90 Prozent“, betont Real in seiner Stellungnahme.

„Es gibt kein Recht auf Homeoffice“

Juristisch ist das alles wasserdicht, sagt der Arbeitsrecht-Experte Tobias Törnig von der Düsseldorfer Kanzlei FPS zu FOCUS Online. „Es gibt kein Recht auf Homeoffice“, erklärt Törnig. „Derzeit gibt es auch keine Anweisungen der Behörden, die das Arbeiten im Betrieb unmöglich machen würden. Wege zur Arbeit sind von den derzeitigen Beschränkungen ausdrücklich ausgenommen.“

Zwar habe der Arbeitgeber eine Fürsorgepflicht, um die Gefahr einer Corona-Infektion am Arbeitsplatz zu minimieren – das Einhalten von Mindestabständen, das Bereitstellen von Desinfektionsmitteln, solche Dinge. Aber, sagt Törnig: „Allein die Sorge, möglicherweise sich oder andere zu infizieren, ist kein Grund, von der Arbeit fernzubleiben. Wie soll der Arbeitsgeber auch beurteilen, ob diese Sorge berechtigt ist?“ Das könnten nur Ärzte.

Tatsächlich sind viele Unternehmen schon dazu übergegangen, ihren Mitarbeitern Passierscheine auszustellen, die ihrem Träger sein Angestelltenverhältnis bestätigen – falls ein Mitarbeiter auf dem Weg zur Arbeit von der Polizei kontrolliert wird. Auch Jens Stadler und all die anderen werden sich an ihrem nächsten Arbeitstag wieder auf dem Weg ins Büro machen, Ansteckungsgefahr hin oder her.

Wobei, nicht alle. Manche haben sich für eine andere Lösung entschieden, sagt ein Angestellter zu FOCUS Online: „Nachdem bei uns die Geschäftsführung am Freitag gesagt hat, dass es kein Homeoffice geben wird, haben sich am Montag direkt drei Leute krankgemeldet.“


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