Kapitän Langsdorff rettete das Leben von tausend Soldaten

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Mike Fowler konnte sein Glück gar nicht fassen. Der junge Radioreporter hatte schlicht das Glück des Tüchtigen gehabt, denn der US-Amerikaner war zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Und dieser Ort hieß an diesem 17. Dezember 1939 Montevideo. In der La-Plata-Mündung lag seit ein paar Tagen die „Admiral Graf Spee“, das berühmte deutsche Panzerschiff vor Anker, in Sichtweite von den Gebäuden im Hafen.

Das Schiff hatte sich nach einer Schlacht mit mehreren britischen Kriegsschiffen hierher geflüchtet, denn es war so schwer beschädigt, dass an eine Weiterfahrt nicht zu denken war. Und außerdem lagen draußen, an der Einfahrt zur Mündung, die englischen Schiffe und lauerten darauf, dass die „Spee“ wieder auslaufen würde, damit sie das wehrlose deutsche Schiff zusammenschießen und versenken konnten.

Kapitän zur See Hans Langsdorff hatte die Spee monatelange im Atlantik wildern lassen. Immer wieder war es ihm gelungen, englische Handelsschiffe aufzubringen und zu versenken. Die Mannschaften hatte er entkommen lassen, nur die Offiziere hatte er auf sein Schiff in Gewahrsam genommen. Wütend hatten die Briten „the beast“, wie sie das Schiff nannten, gejagt, doch immer wieder war es ihnen entkommen.

Durch einen Zufall hatten sie es schließlich doch vor der brasilianischen Küste gestellt und zu einer Seeschlacht herausgefordert. Beide Seiten hatten Verluste und Zerstörungen hinnehmen müssen, dann hatte Langsdorff befohlen, das Schiff nach Montevideo zu fahren. Ein Fehler, wie sich schnell herausgestellt hatte, denn hier saß die „Spee“ mit ihrer 1200 Mann-Besatzung in der Falle. Sie konnte nicht mehr raus, aber in uruguayischen Hoheitsgewässern durfte sie auch nicht bleiben.

Ein großes Spektakel im Hafen von Montevideo

Langsdorff stand vor einer schweren Entscheidung: Sollte er sein Schiff in die Schlacht führen und bis zum letzten Tropfen Blut kämpfen, um so die Ehre und den Ruhm des Dritten Reiches zu verteidigen, wie Hitler es forderte? Oder sollte er die „Graf Spee“ selbst versenken und so das Leben seiner fast 1200 jungen Männer retten? An diesem 17. Dezember musste es zur Entscheidung kommen, denn die Deutschen mussten den Hafen bis zum Abend um 20 Uhr verlassen haben.

Ein großes Spektakel kündigte sich an, ein Schauspiel, das eine große Menschenmenge live vor Ort verfolgen wollte. Und so pilgerten die Leute an diesem regnerischen Nachmittag zum Hafen. 100 000 sollen es mindestens gewesen sein, eine englische Quelle spricht gar von 750 000. Und ein Mann war auch vor Ort: eben jener junge Reporter Mike Fowler.

Er hatte auf dem Dach des höchsten Gebäudes der Stadt einen improvisierten Radiosender aufgebaut und berichtete jetzt live in alle Welt. Denn die britische BBC übernahm seine Reportagen in ihr weltweites Netz. Ein Traum für jeden Reporter.

Kein überzeugter Nationalsozialist

Für Hans Langsdorff dagegen waren diese Tage der pure Alptraum. Seit die „Spee“ am 13. Dezember vor Montevideo geankert hatte, hatte es ein diplomatisches Ringen gegeben, wie lange sie dort liegen durfte. Langsdorff ging es um das Schicksal seiner Männer, nicht um Ruhm und Ehre des Vaterlandes.

Er sei eben kein überzeugter Nationalsozialist gewesen, auch, wenn er fraglos zur Funktionärselite des NS-Staates gehört habe, schreibt der Historiker und ehemalige Offizier zur See, Hans-Jürgen Kaack, in seiner umfangreichen Biographie „Kapitän zur See Hans Langsdorff. Der letzte Kommandant des Panzerschiffs Admiral Graf Spee“.

Langsdorff, Spross eines gutbürgerlichen Elternhauses, hatte es schon früh zur Kriegsmarine gezogen. Schon im ersten Weltkrieg hatte er als sehr junger Kapitän ein Kommando gehabt. Als in den Tagen der Revolution Anfang November 1918 auch die Matrosen seines Schiffs sich gegen die Offiziere auflehnten, sorgte er durch geschicktes Handeln dafür, dass Blutvergießen vermieden wurde.

In der Weimarer Republik avancierte er zum Berater Kurt von Schleichers, der in der Schlussphase der Republik Verteidigungsminister und dann letzter Reichskanzler vor Adolf Hitlers Machtübernahme war.

Dem NS-Staat hatte er sich zur Verfügung gestellt, aber als er jetzt vor der Entscheidung zwischen dem Wohl seiner Männer und dem, was die Nazis als „nationale Ehre“ bezeichneten, stand, entschied er sich für das erste. Heimlich ordnete er die Vorbereitungen für die Selbstversenkung seines Schiffes an. Langsdorff und seine Mannschaft gelangten mit Hilfe argentinischer Schiffe in das 200 Kilometer entfernte Buones Aires, wo die Deutschen unter passablen Bedingungen interniert wurden und die meisten bis zum Kriegsende auch blieben.

Unter der Last beging Langsdorff Selbstmord

Langsdorff, von seinen Männern als Held und als ihr Lebensretter gefeiert, litt unter der Last seiner Entscheidung. Denn er hatte gegen die Vorschriften und eindeutigen Anordnungen Hitlers verstoßen. Er wusste, dass er mit den Konsequenzen würde leben müssen und verspürte die schwere Last der verqueren Moralansichten der Nationalsozialisten. Kurz nach der Ankunft in der argentinischen Hauptstadt beging er Selbstmord. Auch seine Beerdigung wurde zu einem großen Ereignis. Hunderttausende begleiteten ihn auf seinen letzten Weg zum Friedhof, und selbst die britischen Kapitäne der Schiffe, die die „Spee“ versenkt hatte, waren dabei, erwiesen ihm die letzte Ehre und äußerten sich in Interviews äußert freundlich über ihn.

In England ist diese Episode aus der Frühzeit des Zweiten Weltkriegs bis heute präsent und wird als „Battle of Honor“, die „Schlacht der Ehre“, bezeichnet. In Deutschland dagegen ist sie weitgehend vergessen – und damit auch die moralische Leistung Langsdorffs, der ausdrücklich gegen den Befehl Hitlers das Leben seiner Männer rettete. Doch obwohl er heutigen Nachwuchsoffizieren als Vorbild dienen könnte, wird er in der Bundesmarine totgeschwiegen.

Held oder Verräter?

Ist er ein Held oder ein Verräter? „Hans Langsdorff hatte den Mut, Humanität über funktionale Professionalität zu stellen. Dieses sittlich diktierte Handeln, das seinem aus dem Innersten rührenden Respekt vor der unantastbaren Würde des Menschen entsprang, findet in der preußisch-deutschen Militärgeschichte kaum Beispiele“, urteilt Hans-Jürgen Kaack in seinem Buch und kommt damit zu einem klaren Urteil.

Kaack erinnert in diesem Zusammenhang an einen Ausspruch von Henning von Tresckow, einem der führenden Köpfe des Attentats auf Hitler vom 20. Juli 1944: „Der sittliche Wert eines Menschen beginnt erst dort, wo er bereit ist, für seine Überzeugung sein Leben zu geben“. Kein schlechtes Leitbild für die Ausbildung junger Offiziere. Kaacks Buch ist ein wichtiger Schritt, um Langsdorffs Handeln und Denken stärker ins Bewusstsein zu rücken – nicht nur das der Offiziere.


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