“Muss meine Meinung bekunden”: Drosten bestürzt über Bilder aus Deutschland

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In seiner Stimme ist die Enttäuschung kaum zu überhören. In den vergangenen Wochen hat sich Virologe Christian Drosten größte Mühe gegeben, zur Eindämmung des Coronavirus in Deutschland beizutragen.

Dazu trat der bekannte Virologe in diversen Talkshows auf, er sprach im Radio und nahm beinahe täglich einen Podcast auf. Aufklärend, belehrend und ganz oft auch: warnend.

Drosten: “Sind dabei, unseren Vorsprung zu verspielen”

All das trug sicherlich auch dazu bei, dass sich Deutschland bei der Corona-Bekämpfung tatsächlich einen großen Vorsprung gegenüber anderen Ländern erarbeitet hat. „Wir gehören zu den ganz wenigen Ländern weltweit, bei denen die Zahlen wirklich rückläufig sind. Als großes und transparentes Land sind wir sogar einsame und absolute Spitze“, sagt Drosten im NDR-Info-Podcast „Das Coronavirus-Update“ vom 22. April.

Doch jetzt, findet der Berliner, „sind wir dabei, unseren Vorsprung zu verspielen.“ Als Drosten dann auf die Gründe für seine Annahme eingeht, klingt er betroffen ob der Bilder, die er an den vergangenen Tagen sehen musste.

 

Nachdem zuletzt die bundesweiten Pandemie-Maßnahmen gelockert wurden und Geschäfte von einer Größe bis zu 800 Quadratmetern nach wochenlanger Schließung wieder öffnen durften, sind vielerorts Bilder von gefüllten Einkaufsläden und ordentlich besuchten Fußgängerzonen zu sehen gewesen.

Drosten reagiert darauf enttäuscht: „Jetzt sehen wir diese Geschichten von Einkaufsmalls, die im Ganzen wieder frequentiert werden und voller Leute sind. Und warum? Weil jeder einzelne Laden unter 800 Quadratmetern geöffnet ist. Und man muss sich da schon mal fragen, ob das wirklich sinnvoll ist. Da muss ich ausnahmsweise mal meine Meinung bekunden.“

“Dann starten an vielen Orten neue Infektionsketten”

Die Eindrücke der vergangenen Tage bringen den 48-Jährigen zu einer düsteren Prognose: Drosten sagt, er würde sich „nicht wundern, wenn wir im Mai und in den Juni hinein eine Situation haben, die wir nicht kontrollieren können, wenn wir nicht aufpassen.“

Zwar betont er auch, die Politik und insbesondere Kanzlerin Angela Merkel habe die neuen Bestimmungen „sehr gut gemeint“, doch: „Wenn man die Maßnahmen lockert oder alle anfangen, die eigenen Interpretationsspielräume ganz frei auszulegen, dann starten an vielen Orten in Deutschland neue Infektionsketten.“

Drosten: „Und dann haben wir den gravierenden Effekt des zunehmenden Diffundierens in ältere Bevölkerungsgruppen und dort ein Auslösen von höheren Todeszahlen pro Infektion.“

Wäre Reproduktionszahl von 0,2 möglich gewesen?

Aktuell sei Deutschland in einem sehr fragilen Bereich, findet Drosten beim Blick auf die zuletzt vom Robert Koch-Institut auf 0,9 geschätzte Reproduktionszahl (Ansteckungszahl pro Person), die nun wieder etwas angestiegen ist.

“Jetzt müssen wir aufpassen, dass wir unter 1 bleiben”, warnt Drosten und erinnert an ein Positionspapier der Helmholzgemeinschaft, das besagte, dass es in Deutschland möglich gewesen wäre, “den Ausbruch fast auzulöschen und in einen Bereich von 0,2 zu kommen, wenn man nur wenige Wochen die Maßnahmen fortgesetzt hätte. Da hat sich die Politik aber dagegen entschieden.”

 

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