Ölpreis: Trader kauft Öl für 1 Cent und erwacht mit 9 Millionen Dollar Schulden

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Syed Shah verdient seinen Lebensunterhalt mit der Börse. Jeden Tag handelt der 30-Jährige aus einem Vorort von Toronto in Kanada Aktien und Währungen. Am 20. April erspähte er aber eine weitere Möglichkeit, Geld zu verdienen: Öl.

Es war der Tag, an dem der Ölpreis drastisch fiel. Shah sah seine Chance gekommen. Er kaufte erst Öl für 3,30 Dollar pro Barrel, dann sogar nur noch für 0,50 Dollar. Seine Gewinnspanne hätte enorm sein können. Heute kostet das Barrel der US-Sorte WTI immer noch bescheidene 24 Dollar. Shah hätte aus seinen 2400 Dollar Investment damit aber schon rund 17.500 Dollar gemacht.

Von 77.000 Dollar Guthaben zu 9 Millionen Dollar Schulden

Doch es kam noch besser: Irgendwann an diesem verhängnisvollen Tag zeigte die Trading-Plattform Interactive Brokers, die Shah benutzt, nur noch einen Ölpreis von 0,01 Dollar an. Der Kanadier reagierte sofort und kaufte 212 Kontrakte. Nun würde es reichen, wenn der Ölpreis auf einen lausigen Dollar steigt und Shah hätte seinen Einsatz verhundertfacht.

Stattdessen passierte genau das Gegenteil: Um Mitternacht bekam er eine E-Mail von Interactive Brokers. Er schulde der Plattform neun Millionen Dollar. Gestartet hatte er den Tag noch mit 77.000 Dollar Guthaben auf seinem Broker-Konto.

„Ich war geschockt“, sagt der 30-Jährige gegenüber der Finanznachrichtenagentur Bloomberg, „ich dachte, jetzt wird mir alles genommen, alles was ich besitze.“

Warum Shah so viel Geld verlieren konnte

Um zu erklären, wie Shah plötzlich so hohe Schulden haben konnte, muss man verstehen, wie Öl gehandelt wird. Anders als auf dem Wochenmarkt, werden an der Börse keine realen Güter verkauft. Stattdessen werden Terminkontrakte gehandelt. Darin verpflichtet sich ein Verkäufer, dem Käufer eine bestimmte Menge Öl zu einem bestimmten Termin und Preis zu liefern. Meistens werden Kontrakte in Größenordnungen von 1000 Barrel pro Vertrag gehandelt.

Trader wie Shah besitzen natürlich kein physisches Öl, dass sie liefern könnten. Sie kaufen Kontrakte zu günstigen Konditionen auf und hoffen daraus, sie später zu besseren Preisen wieder verkaufen zu können.

Jeden Monat gibt es aber einen Stichtag, zu dem das in den Futures vereinbarte Öl auch wirklich geliefert werden muss. Zu diesem Zeitpunkt müssen Trader also aufpassen, keine Kontrakte mehr zu besitzen – denn sonst wird eine Lieferung fällig, die sie in der Regel weder bezahlen noch annehmen können.

Der 20. April war so ein Stichtag für alle Kontrakte, bei denen Öl im Mai geliefert werden muss. Das war auch der Grund für den starken Preisverfall an diesem Tag: Viele Trader saßen noch auf Kontrakten, die sie normalerweise an echte Öllieferanten hätten verkaufen können. Weil aber durch die Corona-Krise viel zu viel Öl auf dem Markt ist und zu wenig nachgefragt wird, ließen sich die Kontrakte schwer loswerden.

Das führte zu der einmaligen Situation, dass der Ölpreis sogar ins Negative fiel. Der Rekord lag bei minus 37,63 Dollar pro Barrel. Daraus erklären sich auch die horrenden Schulden, die Shah aufgehäuft hatte. Jeder seiner 212 Kontrakte stand immerhin für 1000 Barrel Öl. Bei einem Verlust von 37,64 Dollar pro Barrel sind das schon knapp acht Millionen Dollar. Hinzu kommen die vorher gekauften Kontrakte zu 0,50 und 3,30 Dollar.

Zwei Computerfehler täuschen die Trader

Das Problem: Shah hatte keine Ahnung, dass der Ölpreis so tief gesunken war. Interactive Brokers Computersystem war auf einen solchen Fall schlicht nicht vorbereitet. Lange Zeit zeigte das System einen Ölpreis von 0,01 Dollar an, obwohl der echte Kurs schon unter 0 gesunken war. Irgendwann an dem Tag brach das System dann zusammen und verweigerte jeglichen Ölhandel. Shah hätte seine Kontrakte also nicht mehr vor Mitternacht verkaufen können.

Dazu kommt ein weiteres Problem: Um solche Verluste wie bei Shah zu verhindern, haben Broker-Systeme Algorithmen eingebaut, die bestimmte Trades nur erlauben, wenn der Nutzer genügend Guthaben besitzt. Normalerweise müsste Shah bei Interactive Brokers rund 8000 Dollar Guthaben für jeden Öl-Kontrakt besitzen, den er kaufen möchte.

Doch durch den starken Preisverfall geriet der Algorithmus ins Wanken, der die Höhe dieser Sicherheiten berechnet. Bei einem Ölpreis von 0,01 Dollar bat er Shah nur noch um Sicherheiten in Höhe von 30 Dollar. Das wäre immerhin noch das 3000-fache des Kontraktwertes, lässt aber völlig außer Acht, dass Ölpreise eben anders als bei Aktien auch ins Negative sinken können.

Gesamtschaden liegt bei 109,3 Millionen Dollar

Der 30-Jährige aus Toronto war nicht der einzige Trader, der am 20. April herbe Verluste bei Interactive Brokers einstecken musste. Der Deutsche Manfred Koller aus der Nähe von Frankfurt hatte ebenfalls Öl-Kontrakte für 4 und 5 Dollar pro Stück gekauft, als die Plattform zusammenbrach, Koller machte sich wenig Sorgen und wachte am kommenden Morgen mit 110.000 Dollar Schulden auf.

Insgesamt liegt der Schaden, den der Bug anrichtete, bei 109,3 Millionen Dollar. 3011 Öl-Kontrakte sind betroffen. Pro Kontrakt geht es für die Nutzer um Schulden zwischen 18.815 und 37.630 Dollar.

„Das ist eindeutig unser Fehler“, sagt Thomas Peterffy, der Besitzer von Interactive Brokers. Die Plattform war eine Woche zuvor von der New York Mercantile Exchange (NYME) vor der Möglichkeit, negativer Ölpreise gewarnt worden. Die NYME ist die Börse, über die die Futures gehandelt werden. Allerdings hatte Interactive Brokers durch die Corona-Krise nicht genügend Arbeitskräfte im Büro, um ihr System vorzubereiten – und das Problem zudem unterschätzt.

„Wir werden all unsere Kunden den Schaden aus eigener Tasche ersetzen“, kündigte Peterffy an. Er kann es sich leisten. Das Vermögen des 75-Jährigen wird auf 15,1 Milliarden Dollar geschätzt. Er gehört zu den 100 reichsten Menschen der Welt.

Broker-Besitzer fordert Änderungen im Ölgeschäft

Für Shah hat die Geschichte damit einen glimpflichen Ausgang. „Ich habe drei Nächte lang kaum geschlafen, nachdem ich die Nachricht mit den Millionenschulden bekam“, sagt er. Milliardär Peterffy denkt darüber nach, wie ein solches Desaster in Zukunft verhindert werden kann.

Zwar hätte ein besseres Computersystem den Schaden seiner Kunden minimiert, dem 75-Jährigen Börsen-Veteranen stößt es aber sauer auf, dass die Ölpreise überhaupt ins Negative sinken konnten. Das wiederum, sagt er, sei nur möglich, weil Spekulanten bis zur letzten Minuten mit den Futures handeln können. „So werden die Preise absolut verrückt und gehen in Regionen, die keine wirtschaftliche Berechtigung mehr haben“, meckert er, „die Frage ist: Wer trägt dafür die Verantwortung?“ 

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