Pandemie treibt Gebildete in Alkoholsucht: “Gibt Ärzte, die betrunken operieren”

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FOCUS Online: In einer aktuellen Studie des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit und des Klinikums Nürnberg gab mehr als ein Drittel der rund 3000 Befragten an, während der Pandemie mehr oder viel mehr zu trinken als sonst. Auch andere Studien belegen, dass besonders während des Lockdowns mehr Menschen zur Flasche griffen. Jetzt ist der Lockdown schon eine Weile rum. Ist das Problem damit auch verschwunden?

Bernd Thränhardt: Ganz im Gegenteil. Viele Probleme verstärken sich jetzt erst noch. Denn erst jetzt kommen die Kollateralschäden der Krise auf, Existenzängste zum Beispiel. Ich kenne viele Leute, deren Einkommen in den vergangenen Monaten gleich null war. Für manche davon ist der Alkohol eine Methode, das alles zu verkraften. Der klassische „Seelentröster“.

Viele Menschen arbeiten noch immer von zuhause aus. Verleitet das Home-Office zum Trinken?

Thränhardt: Das kann man pauschal nicht sagen. Es gibt auch Leute, die das Home-Office als Erleichterung des Alltags empfinden. Das sind meist Menschen, die die Resilienz haben, mit Krisen gut umzugehen. Für vulnerable Menschen kann das Home-Office aber zum Problem werden. Immerhin werden die sozialen Kontakte und damit die soziale Kontrolle noch weniger. Für solche Menschen bringt das das Fass zum Überlaufen.

Alkoholsucht in der Krise: “Manche sitzen angetrunken in den Video-Konferenzen saßen – riecht ja keiner”

 

Man weiß mittlerweile durch einige Untersuchungen ziemlich sicher, dass in der Krise deutlich mehr getrunken wurde. Beispielsweise die Zahlen der Alkoholverkäufe in Supermärkten legen diese Vermutung nahe. Ein Freund von mir ist Manager in einem großen Konzern. Er erzählte mir, dass einige Mitarbeiter teilweise schon mittags angetrunken in den Video-Konferenzen saßen. Riecht ja keiner. Zum Problem wird der Alkoholkonsum aber nur für Leute, die ohnehin schon in einer krisenhaften Situation sind.

Durch das Social Distancing und geschlossene Bars und Clubs trinken viel mehr Leute allein. Ist das gefährlicher als in der Gruppe?

Thränhardt: Auf jeden Fall. Wenn man das Gefühl hat, allein Alkohol trinken zu müssen, ist das ein ganz großes Alarmsignal. Es gibt viele Alkoholiker die 20 bis 30 Jahre nicht aufgefallen sind, weil sie schon vor dem geselligen Zusammensein getrunken und dann in der Gruppe nicht über die Stränge geschlagen haben. In meinem Bekanntenkreis ist vor zwei Wochen eine Frau (55) tot in ihrer Wohnung aufgefunden worden. Dort war alles voller Alkohol. Keiner wusste von ihrer Alkoholsucht, sie hat es jahrelang geschafft, ihre engsten Vertrauten zu belügen.

Durch die Krise haben viele Menschen Ihren Job verloren. Sind das auch Menschen, die sich jetzt an sie wenden?

Thränhardt: Natürlich. Schon allein, wenn es heißt, „Du gehst jetzt in Kurzarbeit“, muss das für jeden Betroffenen ängstigend sein. Oder stellen Sie sich einmal vor, Sie gehören zu den ersten fünf Personen in der Firma, die in Kurzarbeit geschickt werden. Das ist eine Katastrophe. Ich behaupte aber nicht, dass ein kerngesunder Mensch ohne Vorgeschichte nur durch die Corona-Auswirkungen süchtig wird, das ist Blödsinn. Die Krise ist ein Katalysator, kein Auslöser.

Kamen während der Corona-Krise mehr Hilfesuchende zu Ihnen als bisher?

Thränhardt: Es waren davor schon nicht wenige, aber nun habe ich doch deutlich mehr Anfragen. Allerdings habe ich auch nicht mehr Kapazitäten als zuvor, kann also leider nicht jedem helfen, der sich an mich wendet. Zu den vielen Anfragen trug aber vielleicht auch bei, dass nur etwa 190 der 2000 Selbsthilfegruppen in Deutschland Online-Suchtberatungen angeboten haben. Das war ein gewaltiges Problem.

Fanden bei Ihnen die Beratungen auch online statt? Wie klappt so etwas?

Thränhardt: Zu Beginn der Krise ausschließlich, ja. Das war aber für diese Art von Gespräch ein Albtraum, da haben Beratungen einfach nicht dieselbe Qualität. Mit den ersten Lockerungen habe ich die Gruppen dann gesplittet, anfangs bin ich mit vier, fünf Leuten draußen spazieren gegangen. In der nächsten Phase saß ich dann mit größeren Gruppen draußen beisammen. Das mache ich jetzt noch so und so funktioniert das auch viel besser.

Trinken in der Pandemie: “Besonders gefährdet sind die gut Situierten. Die trinken dann einen 50-Euro-Wein, aber der macht genauso abhängig”

Wer sind die Leute, die die Alkoholsucht jetzt trifft?

Thränhardt: Dass nur sozial Schwache Alkoholprobleme entwickeln, ist ein gewaltiger Trugschluss. Ganz im Gegenteil gibt es offene Untersuchungen von der Uni-Klinik Heidelberg, dass die Gefährdeten eher gebildete, gut situierte Leute zwischen 40 und 50 sind. Menschen, mit hohem Sozialprestige, bei denen es schon fast ein Statussymbol ist, wenn man abends eine Flasche Wein trinkt. Die trinken dann zwar teuren Wein für 40 bis 50 Euro die Flasche, aber der macht natürlich genauso abhängig wie der billige.

Es ist schlüssig, dass es bei diesen Leuten die höchste Zunahme an Suchtkranken mit Alkohol gibt. Viele dieser Menschen stehen unter hohem beruflichem und sozialem Stress, sind vielleicht Ärzte in einem Krankenhaus.

Auch ich habe natürlich Ärzte unter meinen Klienten. Sie stehen unter einem hohen Risiko, an Suchtkrankheiten zu leiden. Der Stress, die enorme Angst, Fehler zu begehen. Es gibt viele Ärzte, die alkoholisiert operieren. Die gab es vor Corona, während Corona und es wird sie danach geben. Ärzte haben ein großes Problem damit, Hilfe anzunehmen. Schließlich sind sie sonst die Helfenden. Außerdem können sie mit Bekanntwerden ihrer Suchterkrankung ihre Approbation verlieren.

Mal ganz konkret gefragt: Ist es problematisch, wenn ich mir kurz vor Feierabend schon ein Gläschen Wein einschenke?

Thränhardt: Das kann man so pauschal nicht beantworten. Ich hatte heute erst eine Klientin, die nur noch eine halbe Flasche Wein braucht, um schwer betrunken zu werden. Da sind dann aber Leber oder Nieren nicht mehr in Ordnung. Das Tückische ist ja, dass der Übergang zwischen Genuss und Missbrauch fließend ist und meistens über 10 bis 15 Jahre geht. Es gibt kein Stoppschild, das einem sagt: “Jetzt übertrittst du den Bereich zur Sucht.”

“Alkoholismus ist kein Attest über ein verpfuschtes Leben. Es ist eine Krankheit. Und die kann man behandeln”

Von der WHO gibt es das CAGE-Modell, mit dem man seinen Alkoholkonsum hinterfragen kann. Es sind vier Fragen, wenn ich drei davon mit ja beantworte, sollte ich ernsthaft über meine Art zu trinken nachdenken.

  

Was kann ich tun, wenn ich selbst bemerke, dass ich seit der Krise jeden Tag ein, zwei Gläser Wein trinke und das eigentlich gar nicht will?

Thränhardt: Wenn ich das Gefühl habe zu müssen, bin ich eigentlich schon süchtig. Dann sollte ich auf jeden Fall nicht allein mit dem Thema bleiben. Es gibt viele anonyme Angebote. Ich sollte dann mit Leuten sprechen, die Ahnung davon haben. Für fast alle ist die Erkenntnis, ein Problem zu haben, ein Schock.

Aber sobald man sich Hilfe sucht, kann es sehr schnell gehen. Eine Entgiftung dauert eine Woche bis zehn Tage. Die Entwöhnung vier Wochen bis vier Monate. Danach sollte man eine Selbsthilfegruppe besuchen und neue Strukturen aufbauen. So schaffen es sehr viele aus der Sucht. Der Besuch einer Selbsthilfegruppe ist übrigens das erfolgreichste Instrument, um aus der Sucht zu kommen, noch erfolgreicher als Psychotherapie. Das hat eine große Studie der Stanford Universität belegt. Ich empfehle aber, parallel zur Gruppe eine Therapie zu machen.

Was kann ich tun, wenn ich finde, dass jemand in meiner Familie oder meinem Bekanntenkreis neuerdings zu viel trinkt?

Thränhardt: Mich fragen viele Menschen, ob ihr Mann oder ihr Kind ein Alkoholproblem hat. Ich rate ihnen dann immer, diesen kleinen Test zu machen. Fragen Sie die Person: “Was hältst Du davon, wenn Du jetzt mal vier Wochen nichts trinkst?”

Menschen mit Alkoholproblem werden sagen: “Das ist doch kein Problem für mich. Ich weiß, dass ich das könnte, ich brauche das nicht ausprobieren.” Alkoholismus ist für viele Menschen oft gleich das Attest über ein verpfuschtes Leben. Dabei ist es eine Krankheit. Und die kann man behandeln.

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