Paul Breitner: Für viele Bedürftige ist Münchner Tafel einziger sozialer Kontakt

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Deutschland hilft sich: Paul Breitner: Für viele Bedürftige ist Münchner Tafel einziger sozialer Kontakt

Freitag, 10.04.2020, 14:06

Paul Breitner besitzt ein großes Herz. Der Fußball-Weltmeister von 1974 hilft seit mehr als zehn Jahren bei der Münchner Tafel e.V. als ehrenamtlicher Helfer. Bei FOCUS Online spricht er über über den bewegendsten Moment, den er erlebte.

FOCUS Online: Gemeinsam mit Ihrer Ehefrau Hildegard engagieren Sie sich seit vielen Jahren für die Münchner Tafel. Wie entstand die Idee, Menschen in Not zu helfen?

Paul Breitner: Meine Frau hat 2006 über eine Freundin von der Tafel erfahren. Ich war damals viele Tage im Jahr für den FC Bayern unterwegs, habe aber sporadisch angefangen mitzuhelfen. 2010 hat meine Frau dann die Ausgabestelle in Haidhausen eröffnet und zu mir gesagt, egal ob Du aus Peking oder Buenos Aires von Deinen Reisen zurückkommst, bitte sei am Montag 06.00 Uhr wieder hier. Das habe ich getan – und seitdem bin ich jeden Montag bei der Essensausgabe in München dabei. Ich habe in dieser Zeit nur vier- oder fünfmal gefehlt.

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FOCUS Online: Hat es Sie emotional gepackt, als Sie das erste Mal bei der Tafel mitgeholfen haben?

Breitner: Da geht es weniger um spontane Emotionalität, denn meine Frau und ich haben in den 1950er Jahren bereits Armut und Hunger erlebt. Unsere Familien mussten zwar keinen Hunger leiden, aber viele andere. Das haben wir in unseren Köpfen gespeichert und eine andere Art der Emotionalität entwickelt, damit umzugehen. Nachdem uns bewusst geworden ist, dass es eine ähnliche Armut auch jetzt gibt, haben wir uns entschieden vor der eigenen Haustür zu helfen. Wir spenden keine beliebige Summe Geld, um dann zu hoffen, dass vielleicht fünf oder zehn Prozent in Afrika oder irgendwo anders ankommen. Wir öffnen lieber hier die Augen, um vor Ort zu helfen.

FOCUS Online: Bei der Tafel sind Sie für viele Bedürftige nicht Fußball-Weltmeister Paul Breitner, sondern nur Herr Breitner. Ist es ein erfüllendes Gefühl, den Menschen auf Augenhöhe zu begegnen?

Breitner: Das ist für mich nichts Neues, weil ich kein High-Society-Typ bin und auch niemals war. Unabhängig von der Rolle, die ich gespielt habe, versuche ich in meinem Privatleben ganz normal zu bleiben. Natürlich haben viele unsere Gäste geschaut und gefragt. Aber als sie gesehen haben, dass ich nicht nur einmal da bin, um ein Foto zu machen, war ich voll akzeptiert. Wenn ich am Wochenende im Fernsehen war oder in der Zeitung gestanden habe, dann freuen sich unsere Gäste und sagen, Herr Breitner ich habe sie gestern im TV gesehen oder etwas über sie gelesen. Das ist schön. Dieser Austausch findet immer auf Augenhöhe statt. Entscheidend ist die Glaubwürdigkeit. Wenn Du den Leuten zeigst, Du nimmst sie ernst und bist immer da, kann man ein Vertrauensverhältnis aufbauen.

FOCUS Online: Mit Ihrer Frau kümmern Sie sich nicht nur um Essen, sondern sind auch für Gespräche da. Wie wichtig ist es, dass Menschen in Not einen Gesprächspartner haben?

Breitner: Da geht’s nicht um mich allein. Die Ausgabe der Tafel dauert bei uns jeden Montag drei bis vier Stunden, wenn wir ausladen, auf- und dann wieder abbauen. Für 90 Prozent der Menschen, die kommen, ist die Tafel der einzige soziale Kontakt, den sie in der Woche haben. Wenn sie mit den Leuten vor oder hinter ihnen in der Reihe sprechen. Da bauen sich sehr schnell kleine Gruppen auf, kleine Kontakte. Dann wird sich unterhalten. Das ist ein ganz wichtiger Aspekt. Die meisten Leute kommen ja sonst nicht raus. Sie können sich nicht viel leisten. Diese Menschen gehen nur raus, wenn sie etwas einkaufen müssen. Aber sonst gibt es kaum ein soziales Leben.

FOCUS Online: Haben sich über die Jahre auch Freundschaften zu notleidenden Menschen entwickelt?

Breitner: Nein, das geht nicht. Dann würde ich einige Menschen bevorzugen. Natürlich gibt es ein paar Leute, zu denen jeder Ehrenamtliche von uns einen etwas anderen Kontakt hat. Es gibt auch welche, denen wir – wenn sie krank sind oder anrufen – ihre Lebensmittel nach Hause bringen. Das hat aber nichts mit Freundschaft zu tun, sondern mit Partnerschaft.  

FOCUS Online: Wie sieht Ihre Aufgabe genau aus?

Breitner: Ich bin hinten der Letzte im Kühlwagen. Vorne an der Rezeption gibt es Brot, Obst, Gemüse und vielleicht ein Stückchen Kuchen. Ganz hinten stehe ich im Laster, wo es sowohl im Sommer als auch im Winter immer gleich kalt ist. Egal, ob’s draußen 30 Grad plus oder 15 Grad minus hat. Die Münchner Tafel ist ein privater Verein und alle, die in Haidhausen mithelfen sowie unsere Gäste, stehen bei Wind und Wetter draußen im Freien. Bei uns ist es nicht so, wie bei vielen anderen Tafeln, dass wir eine Turnhalle oder eine Schule haben.

FOCUS Online: Was war die berührendste Geschichte, die Sie in den vergangenen Jahren erlebt haben?

Breitner: Manchmal gehe ich runter vom Laster zum Gemüse. Da war mal eine Frau, die vor unseren Stand wartete. Ich habe ihr gesagt, dass wir viele frische Salatköpfe haben. Die ältere Dame winkte aber ab und sagte, dass sie kein Geld für Öl und Essig hat, um den Salat zuzubereiten. Sie meinte, bitte geben Sie es der Frau neben mir, vielleicht kann sie etwas damit anfangen. Bei der Frau war Anfang des Monats etwas in der Küche kaputtgegangen, was sie 40 oder 50 Euro gekostet hat. Sie hatte nur noch 1,80 Euro im Geldbeutel. Am liebsten hätte ich ihr zehn Euro gegeben oder besser 20. Aber das dürfen wir nicht und das ist auch nicht der Sinn unserer Arbeit. Dann ist die Frau weitergegangen.  

FOCUS Online: Gibt es noch mehr solcher Beispiele?

Breitner: Natürlich. Wir haben auch Leute, die nur 200 Euro im Monat zur Verfügung haben, sich aber noch Medizin oder Medikamente kaufen müssen. Wenn bei denen in der Wohnung irgendwas kaputt geht, bricht der ganze Monat weg. Das sind alles Dinge, die kaum einer weiß, wie oft die Not bei machen Menschen brutal zuschlägt. Dann heißt es immer – ja Ihr in München. Ihr versorgt 20.000 bis 22.000 bedürftige Menschen mit 120 Tonnen Lebensmitteln? Ist das wirklich notwendig? Dann sage ich, gerade in München geht die Schere immer weiter auseinander. Wo der Reichtum am größten ist, nimmt auch die Armut enorme Ausmaße an. Der Vermieter einer Wohnung in München orientiert sich nicht an den unteren 20 Prozent, wenn eine Familie eine Drei- oder Vierzimmerwohnung sucht. Nein, er schaut auf die oberen 20 Prozent und verlangt einen hohen Preis.

FOCUS Online: Haben Sie das Gefühl, dass in Zeiten von Corona noch mehr Menschen nach Lebensmitteln anstehen?

Breitner: Wir haben nur eine bestimmte Anzahl an bedürftigen Menschen, die berechtigt sind, sich bei uns anzustellen. Das sind bei uns in der Ausgabestelle in Haidhausen 165 Gäste. Wir können wegen Corona aber nicht sagen, dass wir weiteren 5000 Gästen etwas geben, weil wir die Ware nicht haben. Wir könnten aber die doppelte Anzahl von Menschen versorgen, wenn wir die Mittel hätten.

FOCUS Online: Helfen Sie am Montag weiter in München? Oder lässt das Corona im Moment nicht zu?

Breitner: Wir haben wegen Corona eine andere Lage. Unsere fünf Ausgabestellen in München sind momentan geschlossen. Alles wird im Gebiet der Münchner Großmarkthalle getätigt, wo sich auch die Verwaltung der Münchner Tafel sowie das Zentrallager befinden. Da gibt es jeden Tag eine Lebensmittelausgabe. Viele ältere Gäste haben aber keine Möglichkeit, zehn Kilometer durch die Stadt dahin zu kommen. Deshalb werden diese Menschen von uns beliefert.

FOCUS Online: Woher kommen die vielen Spenden?

Breitner: Wir haben 17 Kleintransporter, die jeden Morgen zwischen 05.30 und 06.00 Uhr ausschwärmen, um bei Supermärkten, Metzgern und Bäckereien die Waren abzuholen. Dann geht es normalerweise ins Zentrallager. Von dort wird das Essen täglich auf fünf Ausgabestellen verteilt. Darüber hinaus gibt es Geldspenden, die wir in Phasen benötigen, in denen wir weniger Obst, Salat oder Gemüse bekommen und zukaufen müssen. So sind wir auch von Geldspenden abhängig, wobei der finanzielle Aufwand für unsere Organisation gegen Null geht. Außerdem bin ich auch Schirmherr bei den Malteser Mittagsspenden, wo wir an 365 Tagen im Jahr ein Dreigänge-Menü an Bedürftige ausgeben.

FOCUS Online: In ganz Deutschland schnellen die Lebenshaltungskosten in die Höhe. Muss die Politik mehr für bedürftige Menschen tun?

Breitner: Nehmen wir einmal die routinemäßige Erhöhung der Rente um drei, vier Prozent. Das bringt gar nichts, weil die Inflationsrate die Erhöhung wieder auffrisst. Da müsste ein Umdenken stattfinden. Außerdem sollte man sich fragen, ist Hartz-IV wirklich ausreichend und wie hoch sollte der Grundsicherungsbetrag sein. Aber da tut sich nichts, weil es anscheinend niemand erkennen will. Dabei sollten wir alle wissen, dass wir die nächste und übernächste Generation der Armen und Bedürftigen gerade selbst produzieren. Die heute 35- bis 45-Jährigen, die Geringverdiener sind, werden es in 20 oder 30 Jahren schwerer haben als Bedürftige heute. Weil die Schere noch weiter auseinandergeht. Diese Menschen werden sich München oder ähnliche Städte noch weniger leisten können.

FOCUS Online: Denken Sie, dass unsere Gesellschaft dieses Problem lösen kann?

Breitner: Das Thema Mindestlohn muss endlich würdig angegangen und gestaltet werden. Niemand hat sich in der Vergangenheit Gedanken gemacht, dass die Geringverdiener wirklich vernünftig leben können, wenn sie alt sind. Und wir tun es heute wieder nicht. Ich verstehe nicht, warum es keine größeren Bestrebungen und Gedankenspiele gibt, um diese Themen nachhaltig zu verbessern. Dabei geht es nicht um eine einzelne Parteien oder die Opposition. Es muss auch ein Aufschrei aus unserer Gesellschaft kommen. Jetzt nach Corona oder irgendwann einmal. Aber wenn eine Krise wie Corona nicht ausreicht, etwas im Denken aller Menschen zu verändern, dann ändert sich wahrscheinlich sowieso nichts mehr. Ich kann nur helfen. Ich bin aber keiner, der Gesetze oder Vorschriften macht, um den Sozialstaat umzubauen. Dabei müssten wir jetzt einiges umbauen. Ganz gewaltig.

FOCUS Online: Wünschen Sie sich von dem einen oder anderen Ex-Fußballer mehr Unterstützung für Hilfsprojekte wie die Tafeln?

Breitner: Ich halte nichts davon, irgendeinen in die Situation einer Spende zu pressen. Jeder soll und muss so leben und mit der Situation so umgehen, wie es für ihn richtig ist. Ich habe mir in meinem Leben von keinem vorschreiben lassen, wie ich zu leben habe – und ich habe das auch nie getan. Jeder kann tun und lassen, was er will, wenn er sich an die Regeln hält. Wenn ich heute Fußballer wäre und einer würde mich öffentlich festnageln und sagen, warum spendest Du keine Million? Dann würde ich sagen – nein. Das würde ich mir verbitten. Jeder muss seiner eigenen Verantwortung gerecht werden, die er selbst und anderen Menschen gegenüber verspürt. Dann muss er handeln oder nicht.

Mit Mundschutz und Handschuhen – Münchner Tafel hilft Bedürftigen auch in Corona-Zeiten

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