Psychiater erklärt: Darum rasten immer mehr Menschen aus

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Sie riecht nach Schweiß, Metall, Kernseife und Exkrementen – so beschreibt der renommierte österreichische Psychiater, Psychologe und Neurologe Reinhard Haller die Luft im Gefängnis. Schon Hunderte Male atmete er sie ein, als er eingepfercht in kleinen Zellen Mördern, Sexualstraftätern, Kinderschändern und Terroristen gegenüber saß, um die Hintergründe ihrer Taten zu ergründen.

Darunter berühmt-berüchtigte Fälle wie Josef Fritzl, der seine eigene Tochter 24 Jahre lang in seinem Keller gefangen hielt und vergewaltigte. Oder der „charmante“ Serienmörder Jack Unterweger, der insgesamt elf Frauen ermordet hat, als Gefängnisliterat in die Geschichte einging und dafür in intellektuellen Kreisen gefeiert wurde. Oder der Bombenattentäter Franz Fuchs, auf dessen Konto rassistisch motivierte Anschläge in Österreich in den 90er-Jahren gehen, bei denen vier Menschen ums Leben kamen und zahlreiche schwerverletzt wurden. Auch Naziverbrecher wie Euthanasie-Arzt Heinrich Gross gehörten dazu.

Nicht kriminell zu werden, hat mit Glück zu tun

In seinem neuesten Buch „Das Böse“ (Ecowin-Verlag 2020, Erstauflage 2009) versucht Haller anhand seiner Erfahrungen und Aufzeichnungen sich diesem schwierigen Komplex zu nähern und die Ursachen krimineller, sadistischer, brutaler und mörderischer Handlungen ans Licht zu zerren. Dabei zeigt er, dass das Böse längst nicht nur etwas ist, was psychisch gestörte Verbrecher höchsten Grades gemeinsam haben.

„Das Böse ist in jedem Menschen vorhanden“, äußert er seine Überzeugung im Gespräch mit FOCUS Online. „Vielleicht ist es nur in einem verschatteten Anteil unserer Psyche oder in der Tiefe des Unbewussten, vielleicht in einer Gestalt, die wir selbst gar nicht kennen.“ Dass dennoch nicht alle zu brutalen Straftätern werden, hat laut Haller ein Stück weit mit Glück zu tun: „Wenn es das Schicksal gut mit uns meint, werden wir das Böse in uns nie in vollem Umfang kennenlernen.“

“Das Böse ist die Abwesenheit von Empathie”

Doch was dabei das Böse im Menschen ausmacht, lässt sich nicht so einfach auf einen Nenner bringen: „Es gibt keine befriedigende Definition, aber in erster Linie würde ich es als Abwesenheit von Empathie bezeichnen“, so der Experte. Denn fehle die Fähigkeit, Mitgefühl zu empfinden, sei der Weg zum Bösen offen.

Auch wenn noch viele weitere Faktoren dazu gehören, die einen Menschen destruktiv und böse werden lassen, gibt es laut Haller eine Gemeinsamkeit, die er bei allen Verbrechern beobachten konnte: vorausgegangene Kränkungen.

Sie verursachen schwere Wunden in der menschlichen Psyche, die Haller so definiert: „Kränkungen sind nachhaltige Erschütterungen des Selbst und seiner Werte. Sie führen zu Krankheiten, Krisen, Krieg und eben auch Kriminalität“, erläutert Haller. Ein Beispiel dafür sei der Fünfach-Mord von Kitzbühel, der sich im Oktober 2019 ereignete. Mutmaßlich aus Eifersucht tötete ein bis dahin völlig unbescholtener 25-Jähriger seine Ex-Freundin, ihre Eltern sowie ihren neuen Freund und stellte sich danach der Polizei.

Narzissmus in unserer Gesellschaft nimmt stark zu

Als ein Problem unserer Zeit sieht der Kriminalpsychiater dabei auch eine zunehmende Unfähigkeit, mit Kränkungen umzugehen. “Wir leben in einer Gesellschaft, die cool sein will – Frustration und negative Gefühle passen da nicht rein und sind uns peinlich.” Erschwerend hinzu kommt eine zunehmende Empfindlichkeit.

“Der Narzissmus, also die Ich-Bezogenheit nimmt stark zu, damit auch eine Hypersensibilität unserer Gesellschaft, die nicht mehr resistent ist.” Denn Narzissten brauchen die Bestätigung von außen, um ihr überzogenes Ich zu füttern. “Die Sucht nach Bewunderung, Anerkennung und Lob ist groß – bekommen sie dies nicht, gerät ihr Selbstwertgefühl ins Wanken”, erklärt Haller.

Warum es immer mehr Straftaten ohne erkennbares Motiv gibt

Genau deshalb sei ein weiteres Phänomen unserer heutigen Zeit laut Haller eine Zunahme scheinbar motivloser Taten. Auch wenn es aus kriminalistischer Sicht eigentlich keine Tat ohne Motiv gibt, nehme der Anteil motivarmer Straftaten deutlich zu. “Selbst bei den grauenhaftesten Verbrechen findet man immer häufiger nur geringfügige Ursachen und bagatellhafte Motive”, erklärt Haller.

Etwa bei Schulamokläufen, sagt Haller, der unter anderem ein Gutachten über Tim K. schrieb, der 2009 beim Schulamoklauf in Winnenden 15 Menschen und danach sich selbst tötete, dass diese Täter per se nicht psychisch krank seien. “Es handelt sich in der Regel um Jugendliche aus sozial guten Verhältnissen.” In fast allen Fällen sei es aber vor der Tat zu Kränkungen des Täters gekommen. Das ließe sich auf alle Fälle weltweit übertragen.

Ursachen des Narzissmus liegen in der Erziehung

Diese Entwicklung steht laut Haller in direkter Verbindung mit der Art wie wir unser Kinder heute erziehen. Durch Überfürsorglichkeit und eine verwöhnende Erziehung steigern wir diese Ich-Bezogenheit. Dadurch entstehe auch eine hohe Anspruchshaltung sowie eine geringe Frustrationstoleranz, wenn Kinder nicht das bekommen, was sie sich gerade vorstellen.

Auch das Einfühlungsvermögen für andere leide unter dieser Form der Erziehung. “Verwöhnte Kinder entwickeln in erster Linie ein positives Einfühlungsvermögen für sich selbst – aber nicht für andere.” Außerdem neigten sie dazu, “andere durch Zynismus zu entwerten”.  Auf Kritik reagieren Narzissten oft mit unbeherrschbarer Wut und Aggression.

Kinder brauchen Gegenwind

Deshalb ist es Haller zufolge enorm wichtig, in der Erziehung das richtige Maß zu finden – aus Zeit, Zärtlichkeit und Zuwendung. Das bedeute aber nicht, dass wir unsere Kinder ständig überhöhen, sie mit Lob und Bewunderung überschütten und alle Schwierigkeiten aus dem Weg räumen sollten. Zu viel des Guten sei nie gut. 

“Kinder müssen lernen, mit Gegenwind zurechtzukommen und Probleme selbstständig zu lösen”, so der Psychiater. Die oberste Devise bei der Erziehung laute daher “Fördern statt Verwöhnen”.

Sport bindet Aggressionen bei Männern

Neben Erziehung spielt auch der Sport laut Haller eine große Rolle, wenn es darum geht, Aggressionen, die durch Kränkungen oder sonstige Faktoren entstanden sind, konstruktiv zu kanalisieren. “Fußball hat beispielsweise eine enorm aggressionsbindende Funktion. Es ist wie eine Art Ersatzkrieg und ermöglicht das Ausleben aggressiver Bedürfnisse.”

Sport ist deshalb nicht nur im Kindeshalter wichtig, sondern auch im Erwachsenenleben. “Die meisten Straftaten werden von Männern im Alter von 18 bis 30 Jahren begangen. Das hängt nicht nur damit zusammen, dass sich die Hormonlage auf Höchstniveau befindet, sondern auch mit einem Aggressionsstau, der sich jeder Zeit entladen kann, wenn er nicht anderweitig kanalisiert werden kann.” Denn Männer können mit Kränkungen wesentlich schlechter umgehen als Frauen, so Haller.

Auch wenn letztendlich viele Faktoren bestimmen, ob und wann das Böse im Menschen hervorbricht, ist für den Psychiater eines klar: “Der Mensch ist ein universell kriminelles Wesen, der erst durch Erziehung und Erfahrung zum sozial verträglichen Wesen wird.”

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