R-Wert unter 1: Experten warnen davor, Shutdown als sinnlos darzustellen

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Faktencheck zu RKI-Daten: “Muss Zahlen richtig lesen”: Experten weisen Kritik zurück, Shutdown sei sinnlos gewesen

Eine Grafik des Robert-Koch-Instituts zur Reproduktionsrate (R) sorgt derzeit für kritische Fragen. Demnach lag die Zahl schon vor dem Lockdown bei etwa 1. Im Netz kursieren nun Vorwürfe, dass die Maßnahmen sinnlos waren. Gesundheits- und Statistik-Experten widersprechen entschieden.

Das Robert-Koch-Institut hat eine Grafik veröffentlicht, die im Netz zu skeptischen Reaktionen in Bezug auf die Lockdown-Maßnahmen führt: Zu sehen ist eine Kurve, die zeigt, wie sich die Reproduktionsrate in Deutschland über eine Zeitspanne von Anfang März bis Anfang April verändert hat.

Diese Rate sagt aus, wie viele Menschen ein Infizierter im Durchschnitt ansteckt. Je niedriger der Wert, desto besser. Liegt die Reproduktionsrate bei mehr als 1, steckt ein Infizierter im Mittel mehr als einen anderen Menschen an – so erhöht sich die Zahl der täglichen Neuinfektionen. Liegt die Rate unter 1, steckt ein Infizierter im Mittel weniger als einen anderen Menschen an.

Laut RKI liegt die Reproduktionszahl für den Erreger Sars-CoV-2 im Generellen und ohne Gegenmaßnahmen zwischen 2,4 und 3,3. Das heißt, dass ein Infizierter im Mittel mehr als zwei oder sogar mehr als drei weitere Menschen ansteckt – und sich das Virus damit schnell verbreitet. Es müssen also zwei Drittel aller Übertragungen verhindert werden, um die Epidemie in den Griff zu bekommen.

Reproduktionsrate steigt und fällt ab dem 22. März ab

Auf der neuen RKI-Grafik ist nun zu sehen, dass die Reproduktionsrate in Deutschland anfangs bis zum 10. oder 11. März auf einen Wert von mehr als 3 gestiegen und danach bis zum 22. März gefallen ist. Bereits am 21. März soll sie demnach in Deutschland bei einem Wert von etwa 1 gelegen haben.

Zu diesem Zeitpunkt waren bereits zwei Maßnahmen erfolgt, nämlich:

  • die Absage von Großveranstaltungen mit mehr als 1000 Teilnehmern (9.3.)
  • die Bund-Länder-Vereinbarung zu Leitlinien gegen die Ausbreitung des Coronavirus (16.3.): Bars, Kinos, Clubs, Schwimmbäder und Museen wurden geschlossen. Auch viele Läden des Einzelhandels mussten dichtmachen, ebenso waren Hotelübernachtungen für Touristen nicht mehr möglich. Die Reproduktionszahl lag in Deutschland noch deutlich über 1.

Die dritte Maßnahme, die in der Grafik markiert ist, das bundesweit umfangreiche Kontaktverbot, wurde am 23. März eingeleitet. Nach diesem Datum bleibt die Kurve größtenteils unter dem Wert von 1 und auf einem ähnlichen Niveau, wie schon am 22.März. Mit Datenstand 21. April schätzt das RKI die Reproduktionszahl auf 0,9.

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Waren die Lockdown-Maßnahmen wirklich sinnlos?

Waren die Lockdown-Maßnahmen also sinnlos, fragen sich nun einige Menschen. Großer Vertreter dieser These ist Stefan Homburg, Wirtschaftsprofessor der Leibniz Universität Hannover. Der Ökonom ist auf Grundlage der RKI-Grafik der Meinung, dass „der Lockdown großer Teile der Volkswirtschaft nicht notwendig und auch nicht wirksam“ gewesen sei, wie er in einem Gastbeitrag auf „Die Welt“ schreibt. Er hat seine Thesen auch schon auf YouTube und im Fernsehen verbreitet.

Unerwähnt lässt er die Erklärung, die das RKI in dem Bericht selber für den Kurvenverlauf gibt. Zum einen, so meinen die Autoren des Berichts, hätten sich in Deutschland zunächst eher junge Menschen mit dem Virus infiziert. Erst ab dem 18. März habe es sich auch stärker unter Risikogruppen ausgebreitet, etwa älteren Menschen in Pflegeheimen oder in Krankenhäusern. Sobald sich das Virus dort erst mal ausbreitet, lässt sich dem auch mit den derzeit geltenden Kontaktbeschränkungen kaum begegnen. Selbst wenn dann die Reproduktionszahl zur gleichen Zeit andernorts sinkt, bleibt sie daher im Mittel etwa gleich.

Ein großer Fehler in Homburgs Argumentation ist seine Behauptung, man habe um den 23. März schon wissen können, dass der Lockdown nichts bringt. Das ist nicht korrekt. Die Reproduktionszahl konnte laut RKI aus methodischen Gründen nur im Nachhinein abgeschätzt werden, und zwar mit einer Verzögerung von etwa zehn Tagen. Am 23. März konnte demnach niemandem bekannt gewesen sein, wie hoch die Reproduktionszahl war. Bekannt war hingegen, dass die Zahl der Neuinfektionen bis zum 22. März massiv anstieg. Sowohl die Berechnungsmethoden als auch die damals bekannten Fallzahlen lassen sich in dem RKI-Dokument nachlesen.

 

Zudem sei die Testkapazität in Deutschland deutlich erhöht worden. Dadurch können die Zahlen verzerrt worden sein. Denn je mehr getestet werde, desto größer sei der Teil der Infektionen, die sichtbar würden. Und je zuverlässiger die Zahl der Infizierten, desto besser kann eine Reproduktionszahl eingeschätzt werden.

 

 
 

 

 

Kontaktverbote helfen, den Wert auf unter 1 zu stabilisieren

Auf Anfrage von FOCUS Online erklärt das RKI darüber hinaus, man führe die schon vor dem 23. März auf unter 1 gesunkene Reproduktionszahl darauf zurück, „dass bereits vorher das öffentliche Leben zurückgefahren worden ist“, zum Beispiel durch Absage von Großveranstaltungen. Das Kontaktverbot helfe nun, den Wert auf unter 1 zu halten bzw. zu stabilisieren.  

Auch ist das RKI überzeugt, dass die Reproduktionszahl während einer Epidemie nicht isoliert betrachtet werden dürfe: „Die Reproduktionszahl kann nicht alleine als Maß für Wirksamkeit/Notwendigkeit von Maßnahmen herangezogen werden.“ Wichtig sei es, ebenso die absolute Zahl der täglichen Neuinfektionen zu betrachten, die klein genug sein müsse, um effektive Kontaktpersonennachverfolgung zu ermöglichen und Kapazitäten von Intensivbetten nicht zu überlasten.

Epidemiologe sieht keinen Widerspruch in RKI-Zahlen und Wirken der Maßnahmen

Wir haben den Epidemiologen Gérard Krause vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI) um eine Einschätzung der Grafik gebeten. Seine Hypothese: „Der anfängliche steile Anstieg in der sehr frühen flachen Phase der Welle ist vermutlich Ausdruck starker Häufungen (z.B. Heinsberg), die weitgehend lokal geblieben waren und wenig bzw. verzögert zu einer Dynamik in ganz Deutschland beigetragen haben“, erklärt der Professor. Der frühe Abfall der Infektionsmeldungen könne zum Teil das Ende dieser lokalen Häufungen abbilden.

„Würde sich diese Hypothese bewahrheiten, spräche dies dafür, dass die Shutdown-Maßnahme tatsächlich genau zum richtigen Zeitpunkt erfolgt wäre, weil sie dann nämlich überhaupt einen sehr steilen Anstieg deutschlandweit bisher hat verhindern können“, sagt Krause weiter. Das würde erklären, warum es in anderen europäischen Ländern wie Frankreich, Spanien und Italien hingegen zu einem steilen Anstieg gekommen sei. Denn dort sei der Shutdown bezogen auf den Kurvenverlauf der jeweiligen Länder erst später beschlossen worden.  

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„Um die Annahme zu überprüfen, dass sich der zeitliche Verlauf in großen Teilen durch die Auswirkung der lokalen Häufungen erklären lässt, könnte man entsprechende Sensitivitätsanalysen vornehmen, in denen man zum Beispiel die Fälle aus diesen lokalen Häufungen weniger gewichtet“, schlägt der Helmholtz-Wissenschaftler vor. „Dass dieses sehr massive Maßnahmenbündel um den Shutdown keinen Einfluss auf die Verbreitung gehabt haben soll, kann ich mir kaum vorstellen.“

Insgesamt sehe er in der RKI-Publikation derzeit daher keinen Widerspruch zu der Einschätzung, dass diese Interventionen des Shutdown zu einer Verlangsamung der Pandemie in Deutschland beigetragen habe.

“Falsche Interpretation der Grafik”

Der Annahme, die RKI-Grafik könne die Wirksamkeit der Maßnahmen vom 23. März widerlegen, widerspricht auch der Statistiker Helmut Küchenhoff aus München entschieden. “Die Aussage, dass man allein aus der Reproduktionszahl die Unwirksamkeit der Maßnahmen ableiten kann, ist einfach nicht richtig. Das ist eine falsche Interpretation der Grafik.”

Von voreiligen Schlüssen von Fachfremden wie dem Ökonomen Homburg hält der Statistiker Küchenhoff wenig. “Man muss Zahlen richtig lesen können – und dafür muss man sich eben ein bisschen mit Epidemiologie beschäftigen.”

Viola Priesemann vom Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation mahnt ebenfalls, die Daten leichtfertig zu interpretieren: “Es ist sehr schwierig, allein anhand dieser Grafik Ursache und Wirkung abzulesen.” Faktoren wie Schulschließungen, Kontaktbeschränkungen und andere ließen sich nicht so leicht auseinandernehmen. Ihren eigenen Berechnungen zufolge zeige sich eine klare Wirkung der Kontaktsperre vom 22. März.

Der R-Wert ist außerdem ein bundesweiter Durchschnitt. Er überdeckt, dass es regional große Unterschiede geben kann. Ein exponentielles Wachstum der Infiziertenzahl ist allerdings immer gefährlich, egal ob auf Bundes-, Landes- oder Kreisebene.

„Wenn wir so tun, als ob das Problem überwunden wäre, werden wir wieder einen Ausbruch haben“

Die Experten sind sich einig, dass die Darstellung von Homburg, die Kontaktbeschränkungen hätten nichts gebracht, einige Mängel hat. Sicher ist hingegen: Wenn die sogenannte Reproduktionszahl nach Lockerung der Maßnahmen wieder über 1 kommen sollte – also ein Infizierter wieder mehr als einen anderen Menschen ansteckt -, könne die Epidemietätigkeit in unerwarteter Wucht wieder losgehen, erklärte Christian Drosten von der Berliner Charité kürzlich.

Ende vergangener Woche hatte er angesichts von Erkenntnissen über die Spanische Grippe vor der Gefahr einer zweiten Welle gewarnt, die nicht mehr nur an einzelnen Orten losrollt und damit schlimmer werden könnte. Bisher waren Ausbrüche regional unterschiedlich verteilt: Betroffen waren vor allem Orte, in die Rückkehrer aus dem Skiurlaub das Virus mitgebracht hatten.

Bei einer vorschnellen Rücknahme aller oder eines großen Teils kontaktbeschränkender Maßnahmen bestehe die grundsätzliche Gefahr einer zweiten Welle, bestätigt auch RKI-Vizepräsident Lars Schaade. Je weniger der Mensch das Virus durch das Verhalten daran hindere, von Mensch zu Mensch zu springen, desto eher verbreite es sich wieder.

Die Reproduktionszahl steige dann wieder auf Werte zwischen zwei und drei: Das heißt, ein Infizierter steckt zwei bis drei andere Menschen an. Derzeit liegt der Wert bei 0,9. Schaade warnte: „Wenn wir alle weiter jetzt so tun, als ob das Problem überwunden wäre, werden wir wieder einen Ausbruch haben. Das ist ziemlich sicher.“

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mit Informationen der dpa

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