Robinhood-App: “Sollte Warnungen wie Zigaretten haben“

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Die fragwürdige Praxis hinter kostenlosen Trades: Zocker-Welle: „Die Robinhood-App sollte Warnungen wie Zigaretten haben“

Lockdown, Langeweile, Lust auf schnelle Gewinne: Die Corona-Krise hat eine neue Generation von Börsenzockern hervorgebracht. Die Trading-App Robinhood öffnet dabei die Tür – mit kostenlosem Handel. Doch genau dieses Geschäftsmodell ist fragwürdig, sagen Kritiker.

„Ich war lang genug dabei, ich weiß, dass Aktien nur nach oben gehen“ – das hat Dave Portnoy kürzlich gesagt, als jemand, der gerade mal seit gut einem halben Jahr mit Aktien handelt. Seit dem Corona-Lockdown heizt Portnoy die Online-Community an, an der Börse zu zocken. Sein eigentliches Metier: Sportwetten und Pizza.

Jeder, der sich auch nur einmal eine Kurstafel gesehen hat, weiß, dass Portnoys Aussage – übrigens auch seine Trading-Regel Nummer Eins – nicht stimmt. Bestes Gegenbeispiel derzeit dürfte Wirecard sein. Trotzdem locken Persönlichkeiten wie Portnoy vermehrt junge Menschen an die Börsen.

Größter Profiteur dieser Zocker-Welle ist Robinhood. Über die App handeln Anleger mit Aktien, Derivaten und anderen Wertpapieren, zum Nulltarif. Das heißt aber nicht, dass Robinhood damit nicht Millionen macht. Wie „CNBC“ unter Verweis auf Dokumente der US-Börsenaufsicht SEC berichtete, machte Robinhood im zweiten Quartal Umsätze von 180 Millionen US-Dollar, gut doppelt so viel wie im Vorquartal. Anders ausgedrückt: Robinhood ist in nur drei Monaten um 100 Prozent gewachsen.

Zum Thema:Große Klappe, kaum Ahnung: Wie David Portnoy Millionen Amerikaner in Aktien treibt

Damit hat sich Robinhood auf den zweiten Platz der Retail-Broker aufgeschwungen. Unter „Retail“ versteht man im englischsprachigen Raum Privat- und Kleinanleger. Platzhirsch bleibt beim Umsatz noch TD Ameritrade mit 324 Millionen Dollar Erlösen im zweiten Quartal. Andere, alteingesessene Plattformen für Kleinanleger wie E-Trade und Charles Schwab hat Robinhood damit aber schon hinter sich gelassen.

Trading in Zeiten von Tinder, Instragram und Snapchat

Zudem wird auf Robinhood mittlerweile mehr getradet als anderswo, wie die Finanznachrichtenagentur Bloomberg vermeldete. Robinhood kam im Juni auf 4,31 Millionen „Daily Average Revenue Trades“, der Schnitt täglicher Order, die Umsatz für den Broker generieren. Diese Metrik maß früher nur Order, die auch Erlöse brachten, wurde aber mittlerweile auf kostenlose Trades erweitert, merkte Bloomberg an.

TD Ameritrade kam im Juni nur auf 3,84 Millionen tägliche Trades, die übrigen relevanten Broker nicht einmal auf zwei Millionen. Dabei ist Robinhood der mit Abstand jüngste Wettbewerber. Das Startup aus dem kalifornischen Menlo Park – der Heimat des Internetgiganten Facebook – ist gerade mal sieben Jahre alt. Charles Schwab, E-Trade und TD Ameritrade blicken jeweils auf mehrere Jahrzehnte Firmengeschichte zurück.

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Die Popularität Robinhoods ist wenig verwunderlich, bedenkt man, wie stark die App auf junge Nutzer zugeschnitten ist. Das Layout ist minimalistisch, die Order geben Nutzer per Tippgesten auf und „swipen“ nach oben, um den Trade auszuführen. Mit einem Wisch Aktien handeln – so geht Trading für die Generation von Tinder, Instagram und Snapchat.

Größter Verkaufspunkt aber bleibt die Tatsache, dass Robinhood nichts kostet – wie schafft der Broker das? Robinhood lässt sich von großen Handelsfirmen bezahlen. Ein Problem, sagen Kritiker.

Robinhood kassiert für jede Order Vermittlungsgelder

Robinhood macht sein Geld mit großen institutionellen Akteuren, wie etwa dem Hedgefonds Citadel oder dem Finanzdienstleister Virtu. Die agieren als Market Maker. Diese „Marktmacher“ kaufen und verkaufen stetig am Markt, und stellen damit Liquidität und Kurse zur Verfügung.

Der Profit der Market Maker resultiert aus dem „Spread“, der Differenz zwischen An- und Verkaufskursen. Der Bid-Kurs (Geldkurs) rangiert größtenteils unter dem Ask-Kurs (Briefkurs). Eine Transaktion kommt zustande, wenn sich die Kurse treffen. Je größer die Differenz – etwa bei wenig gehandelten Aktien – umso größer der Profit der Market Maker.

Was Market Maker also brauchen, sind kauf- und verkaufswillige Anleger. Hier kommt Robinhood ins Spiel. Die Plattform leitet die Trades an Firmen wie Citadel und Virtu weiter und erhält dafür ein Entgelt. Bei Robinhood sind das derzeit 17 Cent je 100 Aktien, gegenüber TD Ameritrade und E-Trade (15 Cent/100 Aktien) vergleichsweise viel.

Laut Robinhood würden alle Marktmacher dieselben Rate für die weitergeleiteten Order zahlen. Das Unternehmen ziele darauf ab, „Geschwindigkeit und die Qualität der [Order-]Ausführung“ zu optimieren. Robinhood unterhalte Beziehungen zu diversen Market Makern, heißt es weiter. Doch hier drängen sich große Fragezeichen auf.

Niemand weiß, was sich in den „dunklen Börsen“ abspielt

Denn anstatt die Order an Firmen wie Virtu oder Citadel weiterzuleiten, könnte Robinhood die Order ja auch einfach an öffentliche Märkte wie die New York Stock Exchange senden. Dort würde dann ein entsprechender Gegenpart (Käufer respektive Verkäufer) gesucht. Dann aber gäb’s vermutlich weniger oder kein Geld von den Marktmachern. Virtu und Citadel führen die Order aller Vermutung nach selbst aus, in den hauseigenen „Dark Pools“.

Der Name verrät bereits: Was auf diesen abgetrennten, nicht-öffentlichen und intransparenten Märkten geschieht, weiß niemand außer den Anbietern so genau. Ein häufiger Verdacht ist, dass die Market Maker dort mit anderen Spreads agieren und so höhere Profite machen. Ein öffentliches Orderbuch, wie bei den Börsen in New York, London oder Frankfurt, gibt es nicht.

Zusätzlich sammeln Firmen in ihrem Dark Pool auch noch Daten und können beispielsweise abwägen, welche Aktien womöglich gerade gefragt sind und diese in Millisekunden anderswo billig einkaufen, um dann im Dark Pool eine Kauf-Order zu bedienen. Es verwundert daher kaum, dass viele Dark Pools zu Hochfrequenz-Hedgefonds wie Citadel gehören.

Neu sind diese Vorwürfe nicht, wie schon Michael Lewis’ Bestseller „Flash Boys“ aus dem Jahr 2014 zeigte. Die Gründer der US-Börse Investors Exchange IEX etwa vermuteten, dass die Dark-Pool-Firmen ihre Marktmacht missbrauchen und durch geschicktes Hin- und Herschieben von Ordern die gewöhnlichen Investoren abzockten. Daraufhin bauten sie kurzerhand ihre eigene Börse auf.

Rivale bestätigt: Kostenlose Trades bringen nicht die beste Ausführung

So oder so profitieren die Marktmacher aber von den für sie profitableren Differenzen im Kurs. Darauf deutet die Aussage von Steve Sanders, Manager bei Interactive Brokers (IBKR), gegenüber „CNBC“ hin: „Mit IBKR Lite mit null Gebühren machen wir, was andere Broker machen, wir schicken die Order an einen Market Maker wie alle anderen auch, dafür gibt es ein kleines Entgelt, wobei Anleger vermutlich keine so gute Ausführung bekommen.“

Sanders zufolge würden seine Kunden, sofern sie für die Trades bezahlen, die bessere Ausführung bekommen, also den zum jeweiligen Zeitpunkt bestmöglichen Preis am Markt. Die kostenlosen Trades werden anderweitig ausgeführt, offenbar zu einem für die Anleger nachteiligen Kurs. Hier hören die dubiosen Beziehungen zwischen Robinhood und den Marktmachern jedoch nicht auf.

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Robinhood nämlich profitieren noch stärker, wenn die Anleger statt Aktien Optionen handeln. Diese Papiere verbriefen für einen Bruchteil des Preises das Kauf- oder Verkaufsrecht an einer Aktie. Damit bieten Optionen einen Hebel auf die Kurse. Entsprechend groß ist das Potenzial für immense Gewinne in kurzer Zeit – oder einen totalen Verlust, wenn nicht sogar den finanziellen Ruin.

Für Options-Order erhält Robinhood von den Marktmachern 0,58 Dollar, also fast das Dreieinhalbfache gegenüber Aktien-Orders. Entsprechend groß ist der Anreiz Robinhoods, die User statt in Aktien in Optionen zu treiben. Die Zahlen zeigen das: 111 Millionen der 180 Millionen Dollar Quartalsumsatz stammten aus dem Optionshandel. Es sei „zweifellos“, dass die Retail-Broker ihre Kunden in Optionen steuern wollen, sagte Tim Welsh, Chef bei Nexus Strategy, einer Beratungsagentur für Geldverwalter, gegenüber „CNBC“.

„Jede Studie der Welt zeigt, dass laienhafte Trader kein Geld machen“

Wie schnell das schief gehen kann, zeigte der Fall eines 20-jährigen Robinhood-Traders, der Anfang Juni Selbstmord beging, nachdem er beim Handeln mit Optionen einen Betrag von minus 730.000 Dollar als Verluste missinterpretierte. Tatsächlich war die Gegenseite des Handels noch nicht ausgeführt, weshalb die App den irreführenden Fehlbetrag auswies.

Marktkenner wie Welsh sind empört: „Ich denke, sie sollten Robinhood Warnhinweise wie bei Zigaretten verpassen, weil es schädlich für deine finanzielle Gesundheit ist, je mehr du handelst.“ Der Profi wies dabei darauf hin, dass Daytrading „letztlich das Spiel eines Verlierers ist“. „Jede Studie der Welt zeigt, dass laienhafte Daytrader kein Geld machen. Doch sie [Robinhood] machen Trading kostenlos, gamifizieren es, und werfen dir nach jedem Trade Konfetti zu“ so Welsh.

Keine Daten-Schnittstelle mehr: Robinhood zieht die Vorhänge zu

Robinhood wehrt sich. Das Unternehmen beteuert, dass die Mehrheit der mittlerweile zehn Millionen Nutzer normale Anleger sind, die auf die klassische „Buy-and-hold“-Strategie setzen. Eine Maßnahme des Startups aber zeigt, dass hier womöglich nur Gesicht gewahrt werden soll – die Abschaltung der Datenschnittstelle.

Auf Webseiten wie Robintrack war bis vor kurzem genau einsehbar, in welche Titel die jungen Zocker am stärksten investieren. Robinhood zeigte seinen App-Nutzern ebenso an, welche Aktien gerade gefragt sind. Das kann Amateure natürlich dazu verleiten, in genau diese Papiere zu stürmen, nach dem Motto „die populärsten Aktien müssen die besten sein“.

Nun will Robinhood seine Daten nicht mehr teilen und damit den Vorhang seines Casinos zuziehen. Denn die Auswertung der Daten zeigte allzu oft, dass Robinhood-Händler – angeheizt von halsbrecherischen Tradern wie Dave Portnoy – gerne auf hochriskante Aktien setzen, wie etwa den heruntergewirtschafteten Druckerspezialisten Kodak oder den Pleite gegangenen Autovermittler Hertz.

Börsenweisheit der Stunde: „There is no free lunch“

Das alles heißt nicht, dass die Geldanlage in Aktien nicht sinnvoll ist. Zum Aufbau eines Vermögens oder dessen Vermehrung sind die Börsen wegen der Niedrig- und Nullzinsen nach wie vor die erste Adresse. Doch ein Anleger spekuliert nicht, und ein Spekulant legt nicht an.

So stark Apps wie Robinhood den Handel auch gamifizieren und zu einem Spektakel aus Wischgesten machen mögen – es geht um echtes Geld, um das, was einmal finanzielle Freiheit oder einen sorgenfreien Ruhestand garantieren soll.

Hinzu kommen natürlich noch die moralisch zweifelhaften Geschäftspraktiken Robinhoods. Kostenlose Trades, schön und gut, Anlegern sollte bei solchen Angeboten nur klar sein, dass sie dann eben anderweitig bezahlen. Zum übermäßigen Handeln sollten sich Sparer von diesem Angeboten nicht verlocken lassen, wenn es nicht nur eigentlichen Anlagestrategie passt. Letztlich bleibt da nur, einen der bewährtesten Börsensprüche zu beherzigen: „There is no such thing as a free lunch“. Soll heißen: Umsonst gibt es an den Börsen nix.

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