Sechstes Massenaussterben: Dramatischer Artenschwund schwächt unsere Ökosysteme

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Unser Planet erlebt gerade das sechste Massenaussterben in seiner Geschichte – daran besteht in der Wissenschaft kein Zweifel. Doch während die vorangegangenen Aussterbeereignisse, die in den letzten 450 Millionen Jahren stattfanden, natürliche Ursachen hatten, ist die treibende Kraft diesmal der Mensch. 

Jetzt zeigt eine Studie, die im Fachjournal „Proceedings of the National Academy of Sciences“ erschien, das ganze Ausmaß des Niedergangs. Darin untersuchten die Autoren um den Biologen Gerardo Ceballos von der Nationalen Autonomen Universität von Mexiko 29.400 Arten von Landwirbeltieren, die auf der Roten Liste der bedrohten Arten stehen oder von der Vogelschutzorganisation BirdLife International als gefährdet eingestuft werden.

Artenverlust hat sich dramatisch beschleunigt

Dabei fanden die Forscher 515 Spezies, von denen noch 1000 oder weniger Exemplare leben. Bei der Hälfte davon sind sogar nur rund 250 Individuen übrig. Die meisten dieser Säugetiere, Reptilien, Amphibien und Vögel leben in den Tropen oder Subtropen. In den kommenden 20 Jahren dürften sie vollständig verschwinden. Der Artenverlust hat sich somit drastisch beschleunigt. „In den vergangenen 100 Jahren starben über 400 Wirbeltierarten aus“, heißt es in der Studie. „Beim normalen Verlauf der Evolution hätte es für diesen Schwund 10.000 Jahre gebraucht.“

Von weiteren 388 Arten von Landwirbeltieren existieren noch Populationen von unter 5000 Exemplaren, wobei sich der größte Teil davon (84 Prozent) einen Lebensraum mit den besonders bedrohten Spezies von unter 1000 Individuen teilt. Dies könnte einen Dominoeffekt auslösen, bei dem der Verlust einer Art weitere Spezies auslöscht, die von der ersten abhängen.

Forscher warnen vor Dominoeffekt

Beispielhaft führen die Forscher die Überjagung des Seeotters in der Beringsee an, der sich großenteils von Seeigeln ernährt. Diese wiederum fressen bevorzugt große Braunalgen, den sogenannten Kelp. Ohne ihre Verfolger vermehrten sich die Seeigel prächtig und dezimierten die Kelpwälder in dem Meeresgebiet. Dies trug wesentlich zum Aussterben der Stellerschen Seekuh Mitte des 18. Jahrhunderts bei, die ausschließlich von Kelp lebte. Das wohl letzte Tier der Art wurde 1768 von Pelztierjägern auf der Beringinsel erschlagen.

„Auslöschung erzeugt Auslöschung“, warnen die Studienautoren. „Dies ist das wohl größte Umweltproblem, denn jeder Artenverlust ist permanent, und jede Art spielt eine mehr oder weniger große Rolle in den Ökosystemen, von denen wir alle abhängen.“

Amphibien sind besonders bedroht

Repräsentativ für ihre jeweilige Tierklasse nennen sie das Sumatra-Nashorn, den Clarión-Zaunkönig (eine endemische Art, die nur auf der Insel Clarión im Ostpazifik vorkommt), die Española-Riesenschildkröte sowie den in Südamerika heimischen Harlekinfrosch, von denen jeweils nur noch weniger als 1000 Individuen leben. Dabei nähern sich gerade die Amphibien mit ihren hunderten Arten von Fröschen, Kröten und Lurchen der endgültigen Ausrottung rasant. Ein Fünftel aller Arten steht vor dem Aussterben oder ist bereits verschwunden.

Als Symbol des „Amphibien-Holocaust“ gilt den Forschern die Goldkröte, die in den Nebelwäldern Costa Ricas lebt. Ihr Bestände werden von einem Pilz dahin gerafft, der sich aufgrund menschlicher Aktivitäten ausbreitet, wobei auch die globale Erwärmung zum Niedergang der Art beiträgt.

Studie unterschätzt noch Ausmaß des Artenschwunds

Angesichts dieser Forschungsergebnisse sollten Naturschützer alle Tierbestände in ihre Maßnahmen einbeziehen, die weniger als 5000 Individuen aufweisen, schlussfolgern Ceballos und seine Kollegen. Dabei gehe es aber nicht nur um die Bewahrung einer Art als solcher, sondern um die Erhaltung ihrer einzelnen Populationen. Denn nur sie können an einer Stelle Verluste ausgleichen, die andernorts entstehen. In ihrer Studie schätzen die Autoren, dass seit dem Jahr 1900 mehr als 237.000 individuelle Wirbeltierbestände verschwanden.

Die Analyse dürfte mit großer Sicherheit das Ausmaß des Artenschwunds noch unterschätzen, erklärt ihr Mitautor Paul Ehrlich, ein Biologe von der US-amerikanischen Stanford University. Denn sie schließt weder Pflanzen, Wasserbewohner noch wirbellose Arten ein, zudem wurden nur die fünf Prozent der Landwirbeltiere untersucht, für die Daten vorliegen.

„Wenn die Menschheit andere Geschöpfe auslöscht, sägt sie an dem Ast, auf dem sie sitzt und zerstört so einen Teil ihres eigenen Lebenserhaltungssystems“, so Ehrlich. „Die Erhaltung bedrohter Arten sollte für Regierungen und Institutionen zu einem globalen Notfall erhoben werden, ähnlich wie der Klimawandel, mit dem sie verbunden ist.“

Stirbt eine Spezies aus, sind die Folgen lange spürbar

Bereits in einer früheren Studie hatten Ceballos und Ehrlich beschrieben, dass 32 Prozent der 27.600 Wirbeltierarten weltweit im Niedergang begriffen sind. Doch wenn eine Spezies aus einer Region verschwindet, geht auch ihre spezielle Funktion verloren, die sie in diesem Ökosystem erfüllt.  Oft wird diese erst erkannt, wenn ein Tier oder eine Pflanze nicht mehr existiert. Ein Beispiel ist die Wandertaube, die in riesigen Beständen in Nordamerika lebte. Ende des 19. Jahrhunderts wurde sie in Freiheit ausgerottet, und seit im frühen 20. Jahrhundert das letzte in Gefangenschaft gehaltene Tier starb, gilt sie als ausgerottet.

Die Vögel fraßen Samen, Nüsse und Früchte in rauen Mengen. Dadurch hielten sie andere Arten nieder, die sich ebenfalls davon ernährten – darunter die Weißfußmaus. Die aber bildete ein natürliches Reservoir für den Erreger der Lyme-Borreliose, ein Bakterium. Als die Wandertaube verschwunden war, explodierten die Weißfußmaus-Populationen, wodurch in den Nordamerika die Borreliosefälle zunahmen. „Die Auswirkungen des Verschwindens der Wandertaube waren noch ein Jahrhundert nach ihrem Aussterben spürbar“, konstatierten US-Ökologen im Wissenschaftsjournal „Science“.

Handel mit Wildtieren eines der größten Probleme

Ähnliche Folgen seien auch künftig zu erwarten, wenn der Mensch weiterhin immer tiefer in die noch unberührte Natur eindringt, fürchten Ceballos und seine Kollegen, Dies werde am Beispiel der aktuellen Covid-19-Pandemie spürbar. Der Erreger, ein Coronavirus, ging höchstwahrscheinlich von einem Wildtier auf den Menschen über. „Der beste Schutz vor Covid-19 war das ungestörte natürliche Habitat“, urteilt Ceballos. „Die Pandemie ist ein deutliches Beispiel dafür, wie schlecht wir die Natur behandelt haben.“

Setze sich der Niedergang der Arten fort, werden irgendwann Ökosysteme versagen, was wiederum die Wirtschaft und Politik eines Landes destabilisieren sowie Hungersnöte und Flüchtlingsströme auslösen könne, so der mexikanische Forscher weiter. Derzeit seien der Handel mit Wildtieren und der Lebensraumverlust die größten Probleme. Aber erst der Klimawandel werden den „vollen Tsunami“ an verheerenden Desastern anstoßen.

Die nächsten fünf bis zehn Jahre sind entscheidend

Es ließe sich aber etwas gegen all das unternehmen, betont Ceballos. Dazu zähle ein globales Verbot des Wildtierhandels, die Verringerung der Weltbevölkerung, Reduktion der Treibhausgas-Emissionen sowie ein Ende der Zerstörung von Habitaten und Regenwäldern speziell im brasilianischen Amazonasgebiet. Insgesamt gelte es, die Nachhaltigkeit über den Profit zu stellen.  

Dieser Wandel erfordere es, politische Führer zu wählen, die diese Prioritäten setzen, betonen Ceballos und sein Mitstreiter Ehrlich. Um dies voranzutreiben, gründeten sie eine Initiative namens „Stop Extinction“ („Beendet die Auslöschung“). Sie soll Rahmen für neue zwischenstaatliche Vereinbarungen setzen und Werkzeuge zur Umweltbildung sowie öffentliche Initiativen liefern.

„Jeder von uns muss verstehen, dass das, was wir in den nächsten fünf bis zehn Jahren tun, die Zukunft der Menschheit bestimmt“, resümiert Ceballos. „Wir haben jetzt die letzte Gelegenheit sicherzustellen, dass die vielen Dienstleistungen, die uns die Natur zur Verfügung stellt, nicht unwiderruflich sabotiert werden.“ Sonst werde das sechste Massenaussterben auf Erden zu einem Kipppunkt, der zum Kollaps der menschlichen Zivilisation führen kann. 

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