Tübingens OB Boris Palmer provoziert – Schock-Aussagen im Check

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Mit drastischen Äußerungen zu den Corona-Schutzmaßnahmen ist der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer (Grüne) auf scharfen Widerspruch in seiner Partei sowie bei SPD und Patientenschützern gestoßen. Palmer sagte am Dienstag im Sat.1-Frühstücksfernsehen: „Ich sage es Ihnen mal ganz brutal: Wir retten in Deutschland möglicherweise Menschen, die in einen halben Jahr sowieso tot wären – aufgrund ihres Alters und ihrer Vorerkrankungen.“ Auf seinem Facebook-Account versuchte Palmer sich anschließend zu rechtfertigen – die Aufmerksamkeit war ihm mal wieder gewiss, und auch die Empörung.

Doch was hat Palmer überhaupt gesagt? Und was ist dran an seinen Aussagen in dem Interview und in seinem Facebook-Post? Ein Faktencheck:

1. Aussage:

„Es ist so, dass insbesondere Menschen über 80 sterben.“ (…) „Also ist Corona jetzt nicht eine Krankheit, wie Ebola, die 20-Jährige mitten aus dem Leben reißt, sondern tödlich ist Corona fast ausschließlich für hochaltrige Menschen.“

Je nachdem, wie man die Wörter „insbesondere“ und „fast ausschließlich“ interpretiert, hat Palmer Recht oder nicht. Nach Angaben des Robert-Koch-Instituts (RKI) sind bis Montag insgesamt 5745 Menschen in Deutschland am Coronavirus gestorben. Davon waren 3659 Menschen 80 Jahre alt oder älter – eine Quote von 63,7 Prozent.

Das Sterberisiko für 20-Jährige ist tatsächlich verschwindend gering. In der Altersgruppe der 20- bis 29-Jährigen starben laut RKI bislang fünf Menschen, obwohl es in dieser Altersgruppe bislang die meisten nachgewiesenen Infektionen gab.

Allerdings nimmt das Risiko mit jedem Lebensjahrzehnt stark zu: Unter den 60- bis 69-Jährigen gibt es bereits 515 Tote, unter den 70- bis 79-Jährigen sind es 1331 Todesopfer. Insofern ist das Risiko auch für jüngere Altersgruppen substanziell.

Experten weisen auch darauf hin, dass nicht das Alter die relevante Größe ist, sondern die Zahl und Schwere der Vorerkrankungen. Ältere Menschen sind mit einer höheren Wahrscheinlichkeit vorbelastet, aber auch jüngere Menschen können je nach Krankengeschichte zur Risikogruppe gehören. Das Risiko für einen gesunden 20-Jährigen gestaltet sich anders als das Risiko für einen 20-Jährigen, der eine schwere Immunkrankheit hinter sich gebracht hat.

Der Direktor des Instituts für Epidemiologie und Medizinische Biometrie der Universität Ulm, Dietrich Rothenbacher, betonte außerdem, dass es auch bei jüngeren Erwachsenen schwere Verläufe einer Covid-19-Erkrankung gebe. Laut einer Studie aus China starben in einer Patientengruppe von 35- bis 58-Jährigen 8,1 Prozent. „Die Gefährlichkeit einer Erkrankung kann auch nicht nur an der Zahl der absoluten Todesfälle festgemacht werden, sondern in der Tat sollte die Anzahl der verlorenen Lebensjahre benannt werden“, teilte Rothenbacher mit. Diese Zahlen gebe es für Covid-19 noch nicht.

2. Aussage:

„Wir retten in Deutschland Menschen, die in einem halben Jahr sowieso tot wären.“

Palmers Behauptung lässt sich nicht belegen oder widerlegen. Denn nicht einmal die besten Ärzte können bei Vorerkrankungen exakt sagen, wann genau sie für den Patienten tödliche Folgen haben werden. Die Aussage lässt auch außer Acht, dass nicht jede Vorerkrankung gleich intensiv verläuft – und mit den gleichen Folgen. Sicher scheint bislang nur, dass eine Infektion mit dem Coronavirus bei bestimmten Vorerkrankungen tödlich wirkt.

3. Aussage:

„(D)ie weltweiten Zerstörungen der Weltwirtschaft sorgen nach Einschätzung der Uno dafür, dass der daraus entstehende Armutsschock dieses Jahr eine Million Kinder zusätzlich das Leben kostet. (…) Der Shutdown, wie wir ihn betreiben, versucht das Leben hochaltriger, schwer kranker Menschen in den reichen Ländern zu verlängern und kostet eine viel größere Zahl von Kindern in armen Ländern das Leben.“

Als Land, das im Jahr 2019 für 1,3 Milliarden Euro exportierte und für 1,1 Milliarden Euro importierte, hat die faktische Stilllegung eines Teils der deutschen Wirtschaft einen Effekt auf die ökonomische Situation von Arbeitnehmern und deren Familien auf der ganzen Welt. Wie groß dieser Effekt ist, und wie er weitergedacht das Leben von Kindern gefährdet, lässt sich allerdings nicht seriös ermitteln. Dafür sind die Wechselwirkungen viel zu komplex.     

Mit der „Einschätzung der Uno“ spielt Palmer auf ein Papier der Vereinten Nationen vom 15. April an. In dem Papier namens „Die Auswirkungen von Covid-19 auf Kinder“ rechnen die Autoren tatsächlich vor, dass die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie für „mehrere hunderttausend“ tote Kinder verantwortlich sein könnten – nicht für eine Million, wie Palmer behauptet. Die Berechnung dieser Zahl geht wiederum auf einen wissenschaftlichen Aufsatz von US-Forschern aus dem Jahr 2011 zurück, der eine Beziehung zwischen wirtschaftlichen Schocks und Kindersterblichkeit nachwies.

In dem Aufsatz betonen die Autoren allerdings, dass der nachgewiesene Effekt je nach untersuchtem Land mal stärker ausgeprägt ist, mal schwächer. Besonders stark scheint er in den ärmsten Ländern zu sein – in diesen ist aber auch die Export- und Importbilanz eher niedrig und der Effekt von deutschen Maßnahmen folglich schwach. Deutschland betreibt nur einen Bruchteil seines Außenhandels mit Entwicklungsländern in Afrika und Asien.

Anders formuliert: Das Wohlergehen eines Kindes in Burundi hängt kaum von der deutschen Wirtschaft ab, sehr wohl aber von der burundischen. Deutschland leistet in solchen Ländern einen viel größeren Beitrag über die Entwicklungshilfe. Die soll aber nach dem Willen von Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) in der Krise noch weiter steigen.

Hinzu kommt, dass die in der Studie verwendeten Zahlen zum größten Teil aus den 1990ern stammen – seitdem hat sich in den Entwicklungsländern der Erde viel getan. Daher stellt auch die UN in ihrem Papier keinen Zusammenhang zwischen den Ausgangsbeschränkungen in der westlichen Welt und der Kindersterblichkeit in Entwicklungsländern her. Im Gegenteil fordert die UN, dass auch die ärmsten Länder der Erde Kontaktbeschränkungen und „Lockdown“-Strategien umsetzen, um die negativen Effekte der Pandemie auf Kinder nicht zu verschärfen.

4. Aussage:

„Dass Corona an sich nur sehr selten tödlich ist, kann man aus der Sterbestatistik entnehmen. Die ist in Deutschland derzeit völlig unauffällig. Es sterben nicht mehr Menschen und auch das Alter der Corona-Toten entspricht dem Durchschnitt.“

Die Behauptung ist korrekt, was die Todesfälle bis einschließlich 15. März 2020 betrifft. Das Coronavirus begann jedoch erst nach dem 15. März, die Opferzahlen in Deutschland in die Höhe zu treiben. Die jüngsten Zahlen vom Statistischen Bundesamt liegen dazu aber noch nicht vor. Daher ist diese Aussage nicht durch Zahlen belegt.

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