TV-Kolumne „Maybrit Illner“: „Wie viele Tote würden wir akzeptieren?“

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Wie verzweifelt muss die FDP sein? Wahlergebnisse: ohnehin dürftig. Umfragewerte: in Zeiten der Corona-Krise ein Desaster. Da scheint sich der Bundesvorsitzende Christian Lindner auf das besinnen zu wollen, was einer Partei gut zu Gesicht steht, die lieber nicht regiert als falsch regiert. Lindner macht Opposition. Erstaunlicherweise nicht in erster Linie gegen die Bundesregierung. Lindner macht Opposition gegen die Wissenschaft, gegen Virologen und Epidemiologen – gegen jene Fachleute also, die in diesen Wochen der Corona-Krise alles tun, um uns mit Wissen im Kampf gegen das Virus aufzurüsten. Wenn’s sein muss, nähert sich die FDP da den Verschwörungstheoretikern auf deutlich weniger als 1,5 Meter Abstand an.

Die FDP und „politisch motivierte Zahlen“

Im ZDF-Donnerstagstalk konfrontiert Moderatorin Maybrit Illner den FDP-Bundesvorsitzenden gleich zu Beginn mit dem Satz seines Parteifreundes Wolfgang Kubicki. Der stellvertretende FDP-Vorsitzende hat den Forschungsstand der Wissenschaftler als „politisch motivierte Zahlen“ diffamiert. Wer aber könnte wie politisch motiviert sein, um die Zahlen politisch motiviert einzusetzen: Ist Corona eine vorsätzliche Züchtung einer gewissen Greta, um die Weltwirtschaft zu zerstören und das Klima zu retten? Will Angela Merkel via Atemmaske die Burkapflicht für alle in unserem Land einführen? Oder hat die AfD das Virus freigelassen, um endlich doch die Grenzen geschlossen zu bekommen? All das sind Fragen, die sich ernsthaft nur jemand stellt, der durch die intravenöse Verabreichung von Desinfektionsmitteln in hoher Dosierung verstandesmäßig erheblich beeinträchtigt ist. Doch Wolfgang Kubicki schreckt nicht davor zurück, der Verschwörungstheorienmaschinerie neue Energie zuzuführen. Und Christian Lindner lässt ihn gerne gewähren. Der stellvertretende FDP-Vorsitzende „macht aufmerksam“, verteidigt der FDP-Bundesvorsitzende. Er will doch nur spielen, soll auch manches Herrchen schon gerufen haben, bevor sein Hund zugebissen hat.

Die FDP will die Fachleute einsperren

Christian Lindner geht noch weiter im Kampf gegen die Wissenschaft. Der FDP-Chef will von den Virologen und Epidemiologen, dass sie sich wie die katholischen Bischöfe vor einer Papstwahl in einem Konklave einschließen. Der Fernsehzuschauer ist versucht, sich diesen verblüffenden Vorschlag eines führenden Bundespolitikers in der Praxis vorzustellen. Ein Virus befällt die Welt. In den Nachbarländern Spanien, Italien, England, Frankreich sterben Tausende. Und die Forscher ziehen sich zurück, um Jahre später fundiert, analysiert, reflektiert ihre Ergebnisse zu präsentieren – egal, wie viele Überlebende im Land dann noch zuhören können.

Spätestens an dem Punkt ist klar: Es geht Christian Lindner nicht um Wahrheit und Verantwortung. Es geht ihm um ein uraltes Führungsprinzip. „Divide et impera“, heißt es, teile und herrsche. Versuche in diesem Fall, den wissenschaftlichen Prozess einer forschenden Annäherung an die Wahrheit in Widersprüche aufzulösen, um die Glaubwürdigkeit zu zerstören und befreit von Realität Machtpolitik anstreben zu können.

„Nachbesserung ist ganz normal“

In der Diskussionsrunde sitzt der Virologe Jonas Schmidt-Chanasit. Mit bemerkenswerter Geduld versucht er immer wieder darzulegen, was er und seine Kollegen in den Forschungsinstituten in diesen Wochen leisten. Der Fachmann greift sogar Lindners Bild mit dem katholischen Konklave auf. „Wir glauben nicht“, versichert er, „wir wissen, dass wir sehr wenig wissen.“ Und er verteidigt die „Offenheit in diesen Zahlen“. Kurz: Der Virologe versucht darzulegen, wie wissenschaftliches Arbeiten in Wochen wie diesen nur funktionieren kann: „Nachbesserung ist ganz normal.“

Am Ende spricht Illner die Kernfrage deutlich aus

So läuft Christian Lindners – politisch motiviertes – Ränkespiel auch an diesem Abend ins Leere. Besorgniserregend bleibt sein Versuch, Wissenschaftlichkeit und damit Wissen in Zweifel zu ziehen. Die Ernsthaftigkeit der Lage machen die anderen Diskussionsteilnehmer deutlich. Schließlich geht es im Einzelfall in Zeiten einer Epidemie stets und immer um Leben und Tod. Und da hat „jeder alte Mensch das gleiche Recht wie ein junger Mensch“, sagt Udo Di Fabio, Bundesverfassungsrichter a.D. und Mitglied im „Expertenrat Corona“.

Diplom-Pädagogin Katia Saalfrank, die sich früher als TV-„Super-Nanny“ noch Katharina nannte, erinnert an die Notlagen in vielen Wohnungen: „Das halten die Familien nicht mehr lange durch.“ Und Bundesfamilienministerin Franziska Giffey plädiert für Lockerungen. „Wir können nicht für alle ein bundesweites Rezept verordnen“, sagt sie. „Man kann nicht über die Bundesliga reden und Kinder nicht auf die Schaukel lassen.“

Irgendwann bringt Moderatorin Maybrit Illner an diesem Abend die Kernfrage hinter allen Einzelentscheidungen der Politik in diesen Tagen und Wochen auf den Punkt: „Wie viele Tote würden wir akzeptieren?“ Dass es nicht sachdienlich sein kann, den Zweifel an Fakten, Forschung und wissenschaftlichem Voranschreiten zu säen: Das könnte Christian Lindner an diesem Abend gelernt haben.

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