Veggie aus dem Schlachthof: So profitiert Fleischindustrie vom Vegan-Hype

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Tofu aus dem Schlachthof: Fleischindustrie kapert Veggie-Branche: “Sie verdienen Millionen mit der Chemie-Pampe”

Mittwoch, 29.07.2020, 10:16

Der Markt für fleischfreie Produkte boomt. Kein Wunder, dass auch die Großen der Tierindustrie ein Stück vom Kuchen abhaben wollen. Immer mehr Fleischkonzerne stellen inzwischen auch vegetarische und vegane Produkte her – und fahren damit satte Gewinne ein. So erkennen Sie, woher die Fleischalternativen im Supermarktregal wirklich kommen.

Vegetarische Fleischwurst, Soja-Schnitzel und Tofu-Würstchen. Die Deutschen haben immer mehr Appetit auf Fleischalternativen. Allein im ersten Quartal dieses Jahres lag der Absatz an Veggie-Produkten 37 Prozent über dem Niveau des Vorjahrs. Die Menge der verzehrten Produkte stieg damit laut statistischem Bundesamt von rund 14.700 auf 20.000 Tonnen an.

Der Landwirtschaftsexperte Carsten Gerhardt von der US-amerikanischen Unternehmensberatung Kearney prophezeit sogar: „Wir stehen vor nichts weniger als dem Ende der Fleischproduktion, wie wir sie kennen.“

Bis zum Jahr 2040 rechnen die Analysten mit einem Wachstum des weltweiten Marktes auf rund 400 Milliarden US-Dollar. „Bereits 2040 werden nur noch 40 Prozent der konsumierten Fleischprodukte von Tieren stammen“, so Gerhardt. Dies werde auch zu einem Schrumpfen der Massentierhaltung mit all ihren Problemen führen.

„Wenn etwas nicht nachhaltig ist, dann die Fleischindustrie“

Doch löst der Veggie-Hype wirklich die Probleme unseres Fleischkonsums? Die veganen Fleischalternativen stehen zwar für Nachhaltigkeit, Umweltbewusstsein und Tierschutz. Doch viele wissen nicht: Die größten Hersteller, die die Fleischalternativen in die Supermarktregale bringen, sind nicht etwa kleine Start-Ups und Veggie-Pioniere – sondern große Fleischkonzerne. Und die machen damit das große Geschäft.

So erzielte etwa die Rügenwalder Mühle nach eigenen Angaben im Jahr 2019 einen Umsatz von insgesamt 242 Millionen Euro – das bisher erfolgreichste Jahr in der Geschichte des Betriebs. Das entspricht einer Umsatzsteigerung von 14,7 Prozent im Vergleich zum Vorjahr – und die verdankt der Fleischbetrieb vor allem seinen Veggie-Produkten. Fast 45 Prozent seines Umsatzes macht das Unternehmen mittlerweile mit den Fleischalternativen, es gilt in Deutschland als Marktführer.

„Es vergeht kein Monat mehr, in dem nationale und internationale Fleischhersteller nicht neue Veggie-Alternativen auf den Markt bringen“, erklärt Ulrika Brandt, Expertin für pflanzlich-basierte Fleischalternativen bei der Ernährungsorganisation ProVeg. Vor allem in den letzten Monaten sei das Thema Nachhaltigkeit bei der Ernährung immer stärker in den Fokus der Konsumenten gerückt. „Und wenn etwas nicht nachhaltig ist, dann ist es die Fleischindustrie. Also gehen die Fleischhersteller diesen Wandel mit und setzen verstärkt auf Alternativen“, sagt Brandt.

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“In Veggie-Produkten steckt vor allem Wasser”

Die Strategien der Fleischindustrie kennt auch Franz Voll. Der Ex-Metzger und Lebensmittelskontrolleur hat 50 Jahre lang in der Fleischindustrie gearbeitet. Dass so viele Fleischbetriebe jetzt Veggie-Produkte auf den Markt bringen, verwundert ihn nicht. “Die Industrie will sich neue Märkte sichern. Und zum jetzigen Zeitpunkt scheint nichts lukrativer, als diese chemische Veggie-Pampe herzustellen. Damit werden Millionen verdient.“ Unternehmen könnten Voll zufolge mit der Produktion von Fleischalternativen enorme Gewinne einfahren, weil die Herstellungskosten für diese Produkte meist verschwindend gering seien.

„In Veggie-Produkten steckt in aller erster Linie Wasser. Ganz viel Wasser. Dann kommt meist Hühnereiweiß, bei veganen Produkten Sojaeiweiß. Der Rest sind Geschmacksverstärker und Farbstoffe, Verdickungsmittel, reichlich Chemie“, erklärt Voll.

Der Ex-Metzger rechnet vor:

„Auf eine Tonne enthalten Fleischalternativen rund 800 Kilogramm Wasser. Das kostet den Betrieb vielleicht ein bis zwei Euro. Viele Fabriken haben sogar eine eigene Grundwasserquelle, das Wasser kostet sie also gar nichts. Zudem verwenden sie häufig billige Soja- und Hühnereiweißprodukte aus dem Ausland. Berechnet man Herstellungs-, Maschinen- und Personalkosten, liegt der Kilopreis bei etwa einem Euro. Verkauft werden die Produkte hingegen für neun bis 14 Euro.“

Den Herstellern bleibt demnach ein Gewinn von 8 bis 13 Euro pro Kilogramm. Bei echter Wurst, die laut Voll in der Produktion genauso viel kostet, im Schnitt aber nur für sieben bis neun Euro pro Kilo verkauft wird, ist die Gewinnmarge deutlich geringer. “Bedenkt man, dass große Hersteller am Tag rund 200 Tonnen Veggie-Wurst produzieren, kann man sich ausrechnen, welcher Reibach sich damit machen lässt”, sagt der Ex-Metzger.

Verdrängen Fleischhersteller Veggie-Pioniere vom Markt?

Entsprechend groß sind die Ambitionen der Branchenriesen: Mit einem Marktanteil von 44,8 Prozent gilt die Rügenwalder Mühle inzwischen als Marktführer bei vegetarischen und veganen Fleischalternativen in Deutschland. Die Vertriebsrechte an den veganen Fleischersatzprodukten des amerikanischen Lebensmittelherstellers „Beyond Meat“ besitzt in Deutschland niemand anderes als die PHW-Gruppe – der Konzern hinter der Marke Wiesenhof. Der deutsche Marktführer bei Geflügelfleisch bietet mittlerweile selbst Veggie-Aufschnitt an.

Auch hinter Marken wie „Vantastic Foods“ und „Veggie Gourmet“ steckt ein Fleischproduzent, nämlich „Die Meistermetzger“ der Ponnath Gruppe.  

“Diese Unternehmen wollen den gesamten Markt abdecken”, sagt Franz Voll. “In der Fleischbranche haben sie es mit ihrer Preispolitik bereits geschafft, zahlreiche Metzger und Fleischer zu verdrängen. Und jetzt tun sie im Veggie-Bereich das Gleiche, indem sie sich selbst positionieren.” Die Konsequenz: Viele kleinere Unternehmen und Start-ups, die Veggie-Produkte und vegane Alternative aus Überzeugung anbieten, würden vom Markt verdrängt.

Fleischhersteller kommen leichter in die Regale

Diese Gefahr sieht Ulrika Brandt von ProVeg indes nicht. Der Markt für pflanzlich-basierte Fleischalternativen wächst so rasant mit zweistelligen Zuwachsraten – da ist eigentlich Platz für alle, für jeden, der neu dazukommt.“

Trotzdem haben große Fleischhersteller gegenüber Startups einen großen Vorteil, weiß Brandt: Sie kommen leichter in die Läden. „Denn sie haben bereits jahrelang Erfahrung in Sachen Distribution. Im Supermarkt einen Regalplatz zu erlangen, das ist nicht so einfach. Aber das heißt nicht, dass kleine Unternehmen keine Chance auf einen Platz haben.“

Diese Ansicht teilt auch die Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie. „Die Nachfrage steigt, daher ist der Markt groß genug für sowohl Startups als auch für bekannte Marken“, teilt eine Sprecherin auf Anfrage von FOCUS Online mit. Das zeige sich allein schon daran, dass es immer mehr neue Hersteller in den Einzelhandel schaffen.

 

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Woran erkenne ich, wo die Veggie-Produkte herkommen?

Ob man Fleischhersteller mit dem Kauf von Veggie-Produkten unterstützen möchte, muss jeder selbst entscheiden. Um sicherzugehen, wo die Produkte herkommen, müssen sich Verbraucher jedoch selbst informieren. Ein Label oder einen Nachweis, das anzeigt, ob das Produkt von einem Fleischhersteller stammt oder nicht, gibt es bislang nicht.

„Informieren Sie sich auf der Homepage der Firmen, bevor Sie etwa kaufen“, rät Ulrike Brandt. „Viele kleinere Hersteller haben tolle Geschichten, die hinter der Unternehmens-Entwicklung stecken. Sie schildern ihre Beweggründe, ihr Anliegen, warum sie Fleischalternativen produzieren.” Veggie-Alternativen von großen Fleischherstellern zu kaufen, sei indes alles andere als verwerflich, betont Brandt. “Es ist wichtig, dass die Menschen weniger Fleisch essen – für die Tiere, für das Klima, für die eigene Gesundheit. Und deshalb ist es wichtig, dass Alternativen angeboten werden.“

Fleischindustrie: Das ganz große Geld winkt immer noch mit echtem Fleisch

Auch wenn der Markt mit Fleischalternativen boomt und selbst Branchen-Riesen nun auf Soja-Würstchen setzen: “Das ganz große Geld winkt immer noch beim echten Fleisch”, sagt Branchenkenner Voll. Die Fleischindustrie, wie wir sie kennen, sei im Kern noch immer die alte.

Das bestätigen auch Zahlen der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie. Demnach wurden im Jahr 2019 mit Fleischersatzprodukten rund 273 Millionen Euro erwirtschaftet – mit echter Wurst und echtem Fleisch sage und schreibe 40 Milliarden.

Woran erkenne ich “gutes Fleisch”?

Wer weiterhin guten Gewissens Fleisch kaufen möchte, sollte beim Einkauf auf Siegel achten. Begriffe wie „Tierwohl“ und „artgerechte Haltung“ sind nämlich nicht geschützt, können vom Hersteller also auf jedes Produkt gedruckt werden. Verlässlicher ist hingegen das staatliche Bio-Siegel. Mit dem grünen Blatt des EU-Bio-Siegels sind nicht nur Auslauf im Freien, mehr Platz und Strohhaltung garantiert. Auch Tierschutzkriterien wie verwendete Futtermittel, Krankheitsvorsorge, tierärztliche Behandlung sowie Vorschriften zur Reinigung der Ställe sind hiermit geregelt.

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