Viele Patienten gelten als genesen, doch sind nicht gesund

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Auch wer nicht schwer am Coronavirus erkrankt, muss mit Spätfolgen rechnen – körperlichen und seelischen. Rehabilitationskliniken stellen sich darauf ein.

Für Anni und Gerald ten Have-Kampe, 71 und 73 Jahre alt, war die Klinik mit dem großen Schwimmbecken vor einem schlossartigen Gebäude ein weiterer Ort der Ungewissheit. Warum, so fragten sie sich in jenen Tagen Anfang April, waren sie aus der niedersächsischen Kreisstadt Nordhorn hierherverlegt worden, nach Bad Bentheim, in ein Krankenhaus, das eigentlich auf Herzleiden, Rheuma- und Hautbeschwerden sowie auf orthopädische Operationen spezialisiert ist und über keine Fachabteilung für die Lunge verfügt? Sie waren doch mit dem neuen Coronavirus infiziert, das, so schien es damals, allein die Atemorgane angreift.

Das Ehepaar aus den Niederlanden, das auf der deutschen Seite der Grenze wohnt, hatte sich nahezu gleichzeitig infiziert – bei welcher Gelegenheit, wissen die beiden nicht. In ihrem Haus hatten sie sich vorsichtshalber wochenlang isoliert, Kinder und Enkel sollten sie nicht besuchen. Nur einmal sei ein Handwerker da gewesen.

Zuerst erkrankte Anni, vier Tage später ihr Mann. Beide fieberten und husteten und fühlten sich elend, Anni noch mehr als Gerald. Zum Glück nahmen die Infektionen keinen schweren Verlauf. Keiner der beiden musste auf die Intensivstation. Man brachte sie schließlich von der für schwere Fälle ausgestatteten Klinik in Nordhorn ins 20 Kilometer entfernte Bad Bentheim. Nahezu zwei Wochen lang lag das Ehepaar in getrennten Zimmern.

Die Therapien ähnelten einander: regelmäßig Sauerstoff über eine Maske, Infusionen, medizinische Überwachung. Viel mehr können Ärzte noch immer nicht tun gegen Covid-19. Zum Glück sank das Fieber. Zuerst durfte Gerald nach Hause, dann Anni.

Viel mehr als eine Grippe

Rund 200.000 Menschen sind in Deutschland als Corona-infiziert registriert worden, knapp 10.000 starben bisher, etwa 180.000 gelten als geheilt. Die wahre Zahl der Virusträger ist unbekannt, in Deutschland dürfte die Dunkelziffer jedoch eher gering sein. Studien zeigen, dass etwa fünf Prozent der Infizierten so schwer erkranken, dass ihr Leben in Gefahr gerät und sie womöglich an eine Beatmungsmaschine müssen.

Menschen wie die ten Have-Kampes zählen nicht dazu. Aber sie merken, dass mit ihnen etwas geschehen ist, das zwar schlimmer hätte ausgehen können. Dennoch fühlen sie sich anders als nach einer überstandenen Grippe, die Patienten mitunter heftig durchschüttelt, danach aber wieder verschwindet, ohne Spuren zu hinterlassen. Sie spüren, dass sie nicht mehr die Alten sind und einige Zeit vergehen wird, bis sie es wieder sein werden.

„Dieses Virus ist mit nichts vergleichbar, das wir kennen“, sagt Jochen Muke, 45, einer von vier Chefärzten in der Fachklinik Bad Bentheim. Covid-19 sei beileibe kein reines Lungenleiden, sondern eine „Multiorganerkrankung“. Deshalb bietet die Klinik nun auch Reha-Maßnahmen für genesene Covid-Patienten an.

Genesene berichten von unspezifischen Beschwerden. „Vor der Infektion fuhren wir an manchen Tagen 60 Kilometer mit dem E-Bike durch die Gegend, heute schaffen wir gerade die Hälfte“, sagt Gerald ten Have-Kampe. „Plötzlich schlafen wir auch entsetzlich viel, zehn Stunden jede Nacht!“ Seine Frau ergänzt: „Früher war ich nie beim Arzt, jetzt sitze ich fast täglich bei einem.“ Niere, Leber und Darm funktionierten nicht wie vorher.

Sven Mainka steckte sich ungefähr zur gleichen Zeit an wie das Ehepaar. Auch er nähert sich nur langsam seiner früheren Konstitution an. Als Postbote in einem Unternehmen ist es Mainka eigentlich gewohnt, ständig in Bewegung zu sein. Jetzt übt er den Wiedereinstieg in die Arbeit, stundenweise. Am Abend geht der 33-Jährige spazieren. Zweieinhalb Kilometer schafft er. Es ist sein Trainingsprogramm. „Für alles brauche ich jetzt länger“, sagt Mainka.

Ärzte nennen es Post-Covid-Syndrom

Eine andere genesene Patientin berichtet von starkem Haarausfall – deshalb will sich die Akademikerin für diesen Bericht auch nicht fotografieren lassen. In wissenschaftlichen Publikationen taucht etwa jede Woche ein neuer Hinweis auf die Auswirkung von Covid-19 auf eine bestimmte Körperregion oder eine physiologische Funktion auf. Haarausfall zählt dazu. Er ist eine von vielen möglichen Folgen.

Der beobachtete, zumindest zeitweise Verlust von Riech- und Geschmackssinn deutet darauf hin, dass das Virus das Nervensystem beeinträchtigt. Führende Mediziner wie der Lungenexperte Tobias Welte von der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) sprechen von einem „Post-Covid- Syndrom“, das auch auf viele leichtere Krankheitsverläufe folge: „Die Menschen kommen nicht mehr in den Alltag zurück.“ Sie seien beherrscht von einem Gefühl der Mattigkeit. Es ähnelt offenbar den Beschwerden des Chronic Fatigue Syndrome (CFS, auch chronische Müdigkeit genannt). „Viele dieser Patienten fühlen sich nicht ernst genommen“, sagt Welte, der allein an der MHH von mehr als 100 Post-Covid- Kranken weiß.

Auch das Spektrum konkreter Folgeerkrankungen ist groß. Mediziner sind sich mittlerweile sicher, dass das Virus die Blutgefäße direkt angreift. Das Blut verklumpt leichter, das Schlaganfallrisiko steigt. Eine medizinische Fachgesellschaft wies zuletzt darauf hin, dass die Infektion zu Stoffwechselentgleisungen führen und so Diabetes auslösen kann.

Wie nach einem Schockerlebnis

Selbst wenn sie durch einen wirksamen Impfstoff bald verschwände, würde die Seuche die Gesundheitssysteme der Welt noch lange belasten. In Deutschland bereiten sich vor allem die Lungenheilkliniken auf Tausende Rehabilitationsfälle vor. Auch andere Einrichtungen stellen sich auf diese Aufgabe ein, manche nicht zuletzt, um die zurückgegangenen Operationszahlen ein wenig zu kompensieren.

Bad Bentheim bietet, nachdem in diesem Landkreis die Zahl der Neuinfektionen nahezu auf null gesunken ist und die Klinik keine Akutfälle mehr behandelt, eine Anschlussheilbehandlung für genesene Covid-19-Patienten an. Das Konzept, das Chefarzt Muke ausgearbeitet hat, ähnelt einer Herzinfarkt-Reha: viel Gymnastik, Training am Ergometer, Entspannungsübungen und Spaziergänge im nahen Wald.

Dazu kommen gezielte Versuche, die Lungen wieder zu ertüchtigen. Aufrecht hinsetzen, Hände auf den Bauch, einatmen, Luft anhalten, ausatmen lautet eine typische Anleitung. Spezielle Mundstücke verstärken den Effekt. „Manche ehemalige Covid-19-Patienten sind so schwach wie andere nach einer Herztransplantation“, sagt Therapeutin Kerstin Ziethen.

„Einige waren sich nach ihrer Diagnose sicher gewesen, jetzt sterben zu müssen“

Darüber hinaus stehen Methoden der Psycho-Kardiologie zur Behandlung der seelischen Folgen von Covid-19 auf dem Programm. Albträume, blitzartige Erinnerungen an angsterfüllte Momente auf dem Höhepunkt der Erkrankung – Klinikpsychologin Kaija Troost vergleicht den Zustand, in dem viele Betroffene noch nach Wochen und Monaten leben, mit einem posttraumatischen Belastungssyndrom, einer Störung, die etwa nach Schockerlebnissen wie einer Explosion oder dem Tod eines nahen Menschen auftritt.

Seit sie Covid überstanden hat, halte sie es keine fünf Minuten in einem Geschäft aus, erzählt Anni ten Have-Kampe. Sie hat dort das Gefühl, fremde Menschen kämen ihr zu nahe. Sie muss dann auch an das ungelöste Rätsel ihrer Infektionsquelle denken.

Rund 50 Patienten haben die Covid-19-Reha in Bad Bentheim bisher durchgemacht, sagt Muke. „Einige waren sich nach ihrer Diagnose sicher gewesen, jetzt sterben zu müssen.“

Solche Ängste mögen auch Bilder wie jene aus der Lombardei genährt haben. Man sah Patienten, die mit dem Beatmungsschlauch im Mund in hastig aufgestellten Behelfsbetten lagen. Ringsum drängten sich Menschen, die Symptome zeigten und um Hilfe baten.

Hierzulande lief es anders. Die Zahl der Todesopfer in Deutschland ist, auf die Bevölkerungszahl bezogen, eine der niedrigsten in Europa. Und generell erkranken etwa vier von fünf Infizierten, wenn überhaupt, nur milde, bekräftigt eine im Tiroler Corona-Verbreitungszentrum Ischgl jüngst abgeschlossene Untersuchung. Muke sorgt sich um Patienten, die deutliche Symptome verspürten und glauben, Covid-19 bereits überstanden zu haben. Für viele von ihnen, vermutet er, „wird der Weg zurück zur Normalität ein sehr langer“.

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