„Virus ist tödlich, Armut auch“: Anwalt aus Rom erklärt, was Deutsche erwartet

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Interview mit Fabrizio Schierholz vom BVMW Italien: „Corona ist tödlich, Armut aber auch“: Anwalt aus Rom schildert Lage in Italien

Leere Straßen, Angst vor Dem Lock down: Italien ist im Ausnahmezustand. Fabrizio Schierholz, Anwalt und Vertreter des deutschen Mittelstands in Italien, schildert im Interview mit FOCUS Online die Lage in Rom, was Deutschland womöglich noch bevorsteht – und wie die Regierung gegensteuern sollte.

FOCUS Online: Herr Schierholz, Sie leben in Rom. Wie sehr spüren Sie dort in Ihrem Alltag die Folgen des Kampfes der italienischen Behörden gegen das Coronavirus?

Fabrizio Schierholz: Ganz gewaltig: Ein Großteil der Läden ist geschlossen, die Stadt ist menschenleer und das Verkehrsaufkommen sehr gering. Die allermeisten Menschen bleiben zuhause.

FOCUS Online: In Deutschland haben sogenannte Hamsterkäufer für Aufsehen gesorgt. Wie sieht das in Italien aus: Sind die Läden geschlossen, oder können Sie noch ganz normal in den Supermarkt gehen und dort kaufen, was Sie brauchen?

Schierholz: Diese Ereignisse hat es auch hier gegeben, also dass Menschen riesige Mengen haltbarer Lebensmittel, Hygieneartikel oder Toilettenpapier eingekauft haben. Aber es hält sich in Grenzen. Supermärkte dürfen Kunden nur in kleinen Gruppen betreten, also fünf oder maximal sechs Personen gleichzeitig. Woran es derzeit mangelt – und das ist eine Schande – sind Atemmasken und Desinfektionsmittel für die Hände.

Zur Person

Fabrizio Bianchi Schierholz arbeitet als Rechtsanwalt in Mailand und Rom. Der Handels- und Arbeitsrechtexperte ist zugleich Leiter der ständigen Vertretung des Bundesverbands mittelständische Wirtschaft (BVMW) in Italien. Zuvor war Schierholz Mitglied des Stadtrats von Mailand. Er war außerdem für die öffentliche Rentenschutzversicherung Ipsema in Rom sowie die Unternehmensberatung Ecovis tätig.

FOCUS Online: Können Sie von zuhause aus Waren bestellen, etwa über einen Onlineshop? Oder haben die Postboten und Lieferdienste ihren Dienst eingestellt, dürfen vielleicht gar nicht mehr bei Ihnen klingeln?

Schierholz: Noch wird alles geliefert, die Frage ist aber: Wie lange noch? Die Medien berichteten schon von spontanen Streiks in den Fabriken des Nordens. Die Arbeiter dort haben Angst und wollen zu Hause bleiben. Den Kurieren ergeht es ähnlich.

„Alle Mitarbeiter tragen Masken“

FOCUS Online: Treffen Sie Ihre Kollegen und Geschäftspartner momentan noch persönlich?

Schierholz: Wir arbeiten, solange es uns möglich ist, in unserer Kanzlei weiter wie gewohnt. Natürlich gibt es keine persönlichen Treffen oder Kontakte mit unseren Mandanten oder externen Personen. Alle Mitarbeiter tragen Masken.

FOCUS Online: Denken Sie, dass die Maßnahmen, die die italienische Regierung beschlossen hat, zu weit gehen, oder wird Ihrer Ansicht nach vielleicht sogar zu wenig getan?

Schierholz: Es geht, wie oft im Leben, um eine ethische Frage: Zählt das Leben der Menschen mehr oder das Geld? Die Coronavirus-Erfahrung in China hat uns gelehrt, dass nur drastische Maßnahmen und Isolierung das Virus stoppen können. Und genau das versucht die Regierung in Italien durchzusetzen. Ich glaube sie handelt auch mit einer gewissen Weisheit, denn die drastischen Dekrete und Anordnungen, die im Moment angewendet werden, wären wahrscheinlich vor einer Woche von den Leuten nicht akzeptiert worden.

Natürlich muss die Bevölkerung mittspielen. Es darf nicht das Gefühl auftauchen, man halte die Menschen gegen ihren Willen „gefangen“ oder nehme Ihnen ihre Freiheiten. Sollte so ein Gefühl aufkommen, könnte dies in einem Desaster enden.

FOCUS Online: Was sagen die Menschen um Sie herum?

Schierholz: Die Menschen nehmen die Situation gefasst und diszipliniert auf. Mich beschäftigt aber die Frage, ob die Ausnahmeregelungen in ihrer Intensität noch steigen werden. So befürchte ich zum Beispiel, dass demnächst ein genereller Hausarrest erteilt werden wird. Die Ungewissheit darüber, wie lange diese Ausnahmesituation noch andauern wird, und bis wann die Leute den Zustand aushalten werden, das bereitet mir Sorgen.

FOCUS Online: Sie sind Vertreter und Ansprechpartner deutscher Mittelstandsfirmen in Italien und haben derzeit vermutlich viel zu tun. Welche Fragen müssen Sie klären? Von welchen Problemen berichten Ihnen die Firmen und Unternehmer?

Schierholz: Da höre ich alles Mögliche, sowohl als Leiter des BVMW als auch in unserer Rechtsanwaltskanzlei. So haben wir zum Beispiel Mandanten, die hierzulande Mitarbeiter beschäftigen, die im Moment nicht viel zu tun haben. Die Frage an uns lautet deshalb, ob man sie in Zwangsurlaub schicken könne, oder ob und wie man vom Staat Sonderzuschüsse erhält. Unternehmen aus Deutschland wiederum fragen uns, ob die Möglichkeit besteht, Verträge aufgrund höherer Gewalt zu kündigen.

FOCUS Online: Was antworten Sie denn darauf?

Schierholz: Da gibt es keine Standardantwort, denn es hängt immer vom Inhalt und von der Art des Vertrages ab. Die Kündigung kann aber nur in bestimmten Fällen angewandt werden, als „extrema ratio“. Häufiger kommt es hingegen vor, dass Verträge pausiert oder die Konditionen neu ausgehandelt werden. Ein Beispiel: Man kann unter Umständen den Mietvertrag eines Büros pausieren, die Miete also vorübergehend nicht zahlen, wenn man die Räumlichkeiten aufgrund der neuen Einschränkungen nicht nutzen kann. Grundsätzlich gilt: Es muss ein konkreter sachlicher Grund vorliegen.

 

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FOCUS Online: Können Sie einschätzen, welche Folgen die Epidemie für die italienische Wirtschaft haben wird? Sind die Gegenmaßnahmen und finanziellen Hilfen ausreichend, die die italienische Regierung bislang beschlossen hat?

Schierholz: Es wurden mittlerweile weitere wichtige finanzielle Hilfen beschlossen, aber all das ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein, wenn zu einem „Lock down“ Italiens kommen sollte, also einer Sperrung des gesamten Landes. So etwas darf meiner Meinung nach nicht passieren, denn das Virus ist tödlich, Armut aber auch. Gute Positionen auf den Märkten zu verlieren, kann für Italien sehr riskant sein. Deswegen hat die Regierung – ich meine zu Recht – bis jetzt die Fabriken nicht geschlossen, obwohl sie potenzielle Brutstätten des Virus sind.

FOCUS Online: Wie sehr sind gerade kleine und mittlere Unternehmen in Italien von den Maßnahmen betroffen?

Schierholz: Sehr schwer: Aufgrund der bereits beschriebenen Maßnahmen ist die Binnennachfrage immens gesunken. Der Export, der für die Wirtschaft Italiens genauso wie in Deutschland enorme Bedeutung hat, ist auch stark betroffen. Italienische Produkte werden aufgrund der Angst vor einer Infizierung im Ausland mit Skepsis betrachtet.

FOCUS Online: Was sollte die deutsche Regierung tun, um die Bevölkerung, aber auch die Unternehmen angemessen auf eine mögliche verstärkte Ausbreitung des Virus‘ hierzulande vorzubereiten?

Schierholz: Die deutsche Regierung sollte zum einen sofort eine Aufklärungskampagne für die Bevölkerung starten: Sie muss erklären, was passiert und wie man die Ausbreitung des Virus stoppen kann, und dass diese Ausnahmesituation umso schneller beendet sein wird, je rascher man das Virus isoliert. Zum Zweiten sollte sie die Kontakte zwischen Menschen vorübergehend so weit wie möglich untersagen, auch wenn es der Wirtschaft schadet.

Ich bin aber fest davon überzeugt, dass unsere Länder, mein Vaterland Deutschland und mein Mutterland Italien, jetzt zwar leiden werden, dass unsere alte Kultur uns aber die Weisheit geben wird, mit dieser Krisensituation vernünftig, rational und ohne Panik umzugehen, und dass wir schon bald wieder kräftiger und weiser als zuvor aufstehen werden, wie es immer in unserer Geschichte geschehen ist.

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