Wirtschaftszweig trockengelegt: Künstler warnt vor Folgen der Corona-Krise

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Ein Gastbeitrag von Armin Alic

Die sozialen Medien sind voll von selbsternannten Experten und Verschwörungstheoretikern, die nun ganz genau zu wissen meinen, was es mit der Situation auf sich habe. Da ich zum einen nicht die notwendigen Fachkenntnisse zum Thema der Epidemiologie besitze, und es mir fernerhin als gar nicht sinnvoll erscheint, mich in die sehr lange Reihe der oben genannten einzureihen, unterlasse ich dies tunlichst.

Als freiberuflicher Musiker und Musikpädagoge kann ich jedoch von den Auswirkungen der Corona-Krise auf den Kulturbetrieb und die in ihm arbeitenden Menschen berichten:

Konzerte, Tourneen und Veranstaltungen jeglicher Art werden abgesagt, was sich nicht nur auf die Hauptakteure, in diesem Fall die auf der Bühne stehenden Künstler, auswirkt, sondern auch auf alle Menschen, deren Arbeit notwendig ist, damit ein Konzert oder eine ähnliche Veranstaltung überhaupt stattfinden kann.

Als Zuschauer, der ein Ticket kauft und in ein Konzert geht, macht man sich vielleicht keine Gedanken darüber, wie viele Menschen hinter den Kulissen einer solchen Produktion arbeiten: Bookingagenturen, örtliche Veranstalter, Promotionagenturen, Firmen, die die benötigte Technik zur Verfügung stellen, Cateringfirmen, die für die Verpflegung am Veranstaltungstag zuständig sind, Securityfirmen und dann noch alle örtlichen Helfer, die die Durchführung einer Veranstaltung sicherstellen. Je nach Größe der Produktion kann also die Anzahl der an lediglich einer Veranstaltung beteiligten Menschen schnell im höheren zweistelligen oder sogar im dreistelligen Bereich liegen.

All diese Menschen sind nun von Arbeitsausfällen und somit auch fehlenden Einnahmen betroffen. Während diese unerwartete Situation natürlich für alle unangenehm ist, gibt es vielleicht einige wenige, die aufgrund der Tatsache, dass sie in der Vergangenheit sehr gut verdient haben, in der Lage sind, die entstehenden Verluste irgendwie zu schultern.

Da aber der Großteil der von mir genannten Menschen an der Grenze zum oder sogar im Prekariat lebt, entstehen innerhalb von nur wenigen Tagen Situationen, die schnell existenzbedrohend sind.

Die meisten Musiker in Deutschland, denen nun Konzerte und Tourneen abgesagt worden sind, sind leider nicht in der Situation, sich ein finanzielles „Polster“ angelegt zu haben, sondern sind eher froh, wenn sie von Monat zu Monat ein einigermaßen geregeltes Auskommen haben. Das trifft auch auf viele der bereits einer breiten Öffentlichkeit bekannteren zu, von denen man das eigentlich nicht denken würde, geschweige denn Musiker und Künstler, für deren Kunst sich ein eher kleinerer Personenkreis interessiert. Eine so kurzfristig abgesagte längere Tournee kann sehr schnell in die Privatinsolvenz führen.

Viele Kolleginnen und Kollegen bessern ihr Einkommen damit auf, dass sie freiberuflich musikpädagogisch tätig sind, also entweder Instrumentalunterricht an Musikschulen oder Hochschulen geben, oder aber Musik-AGs an Schulen betreuen. Durch die Schließung aller Bildungseinrichtungen entfallen auch diese Einnahmen erst einmal.

Ein örtlicher Veranstalter, der gezwungen ist, eine oder mehrere größere Veranstaltungen abzusagen, ist für selbige Veranstaltungen in Vorleistung gegangen, indem er möglicherweise schon Teile der Künstlergagen oder Kosten für Technik und Personal angezahlt hat, oder schon nicht unerhebliche Beträge für die Bewerbung besagter Veranstaltungen eingesetzt hat. Bei größeren Veranstaltungen kommen da schnell sechsstellige Beträge zusammen, die man, auch wenn man in der Vergangenheit gut gearbeitet und gewirtschaftet hat, nicht mal zur freien Verfügung hat, sondern die erst durch die Einnahmen nach erfolgreicher Durchführung einer Veranstaltung wieder eingespielt werden, im besten Fall so, dass nach Abzug aller Kosten unter dem Strich auch etwas Profit bleibt.

Die Situation für Veranstaltungstechnik-Betriebe und die dort arbeitenden Menschen ist ähnlich. Man kann jedenfalls jetzt schon sagen, dass es in allen genannten Bereichen viele gibt, die am Rande der Privatinsolvenz stehen.

Sofern man Glück hat, kann man für bestimmte Veranstaltungen Nachholtermine finden, aber da derzeit überhaupt nicht abzusehen ist, wie lange die Krise andauern wird, kann man ja noch nicht einmal mit Sicherheit sagen, ob besagte Nachholtermine überhaupt stattfinden können. De facto wird also ein kompletter Wirtschaftszweig, wie man lesen kann der drittgrößte in Deutschland, trockengelegt, ohne dass man in irgendeiner Form Voraussagen treffen kann, wann es denn wieder weitergehen kann.

Die sehr große Anzahl der Betroffenen wartet sehnlichst auf die Verkündung von Hilfsmaßnahmen seitens der Politik. Doch wird es diese wirklich geben und wie genau werden sie aussehen? Es gibt bereits widersprüchliche Aussagen diesbezüglich: Mal heißt es, dass es natürlich Hilfen geben werde und dass man gerade darüber berate, wie genau diese aussehen würden, mal heißt es auch, dass es für die Veranstaltungsbranche erstmal kein Konjunkturprogramm geben werde.

Das Angebot von „unbegrenzten und niedrig verzinsten Krediten“ erscheint jedem Kulturschaffenden wie blanker Hohn, ist man doch schon sehr froh darüber, wenn man es nach Jahren geschafft hat, schuldenfrei zu arbeiten und zu wirtschaften. Davon dass die Zinssätze ja bereits auf dem niedrigsten Stand aller Zeiten sind, will man gar nicht erst anfangen.

Der Vorschlag, doch zum „Amt“ zu gehen und sich dort arbeitslos zu melden, ist auch einer dem zu folgen viele nicht bereit sein werden, da sie sehr dankbar dafür sind, dieser Situation durch jahrelange harte Arbeit irgendwann einmal entkommen zu sein, zumal sie ja im Grunde genommen Arbeit haben und dieser im Grunde auch sehr gerne weiterhin nachgehen wollen.

Selbstverständlich stellt die derzeitige Situation auch für die Politik eine Herausforderung sondergleichen dar, jedoch wünscht man sich als Kulturschaffender, vor allem auch im Hinblick darauf, wie schnell in der Vergangenheit schon einmal Banken in der Finanzkrise mit Milliardenbeträgen gerettet wurden, dass es für die Kulturwirtschaft ähnlich schnelle und effektive Hilfsmaßnahmen geben wird, um die ganz klar entstehenden unbilligen Härten für Kulturschaffende zu verhindern oder zumindest so abzumildern, dass nicht sofort ganze Existenzen auf dem Spiel stehen. Man wünscht sich gewissermaßen einen Helmut Schmidt zu Zeiten der großen Sturmflut in Hamburg im Februar 1962 herbei.

Die Erkenntnis, dass in unserer Gesellschaft ein extremes Missverhältnis besteht zwischen der sozialen-gesellschaftlichen Relevanz der Arbeit Kulturschaffender und dem Stellenwert, den ein Großteil der Akteure in der heutigen Gesellschaft besitzen oder nicht besitzen, ist keine Neuheit. Womöglich und hoffentlich jedoch bietet die derzeitige Situation eine Möglichkeit, daran zumindest kurzfristig etwas zu ändern. Die meisten Kulturschaffenden sind in dieser Situation sehr darauf angewiesen, ob es jedoch dazu kommen wird, wird sich zeigen.

In der Zwischenzeit tun Musiker und Künstler das, was sie immer schon getan haben: Sie werden kreativ und lassen sich neue Wege einfallen, wie sie sich selbst, einander und letzten Endes auch allen Menschen helfen können, diese für uns alle neue und schwierige Situation so gut wie möglich zu überdauern, und am Ende bestenfalls gestärkt aus ihr hervor zu gehen. In diesem Sinne, bleiben Sie gesund…

Zum Autor:

Armin Alic, geboren 1980 in Sarajevo, Bosnien und Herzegovina, lebt seit 1992 in Wuppertal, Deutschland, und arbeitet seit 2005 als freiberuflicher Musiker und Musikpädagoge. Als Bassist ist er derzeit europaweit mit der Henrik Freischlader Band und dem Royal Street Orchestra unterwegs, im pädagogischen Bereich arbeitet er unter anderem seit 2013 als Dozent im Rahmen des seitens des Bundesministeriums für Bildung und Forschung ausgerichteten Programms „Kultur macht Stark – Bündnisse für Bildung“.

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